Donnerstag, 24. März 2016

Frühlinghaftes Treppensteigen im Tessin

Ich hatte frei und Lust auf Sonne, doch die Wetterprognosen für Zürich waren bestenfalls wechselhaft. Was tut man in einem solchen Fall? Man steht zu einer unchristlich frühen Zeit auf und fährt nach Süden: Um kurz nach zehn Uhr stieg ich schliesslich mit einem leicht flauen Gefühl im Magen - SBB-Neigetechnik bekommt mir nicht - bei 20 Grad und strahlend blauem Himmel in Locarno aus dem Zug. 

Ich hatte mir am Vorabend eine Strecke zurecht gelegt: Von Locarno via Madonna del Sasso nach Orselina, von dort ein paar Kilometer der Höhenlinie entlang, bevor ich wieder zum Lago Maggiore absteigen und entlang des Sees gemütlich zurück nach Locarno schlendern würde - nichts Anstrengendes, einfach etwas Sonne tanken. Doch der Plan stiess auf zwei Hindernisse: Das erste waren die Tessiner Wanderwegweiser, die ich irgendwie immer wieder aus den Augen verlor. Ich irrte in Locarno zwischen Bahnhof und Anlegestelle umher, bis ich schliesslich die Treppenstufen fand, die zur Madonna del Sasso hochführten. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass ich vom Wanderweg abkam, doch dank der App von Wanderland fand ich immer zurück auf den richtigen Weg -  zumindest bis zum Moment, als die App hartnäckig behauptete, ich würde mitten im Lago Maggiore stehen (und ich war mir ziemlich sicher, dass dem nicht so war, denn meine Füsse waren eindeutig trocken). Bis dahin hatte ich aber bereits herausgefunden, dass ich im Zweifelsfall immer die Treppenstufen wählen musste, die den Berg hoch führten.

Das zweite Hindernis, das mich von einem gemütlichen Spaziergang abhielt, war der Blick nach oben: Da stand mit dem Cardada, dem Hausberg von Locarno, ein verlockender Gipfel in Reichweite. Spätestens als ich die Talstation der Cardada-Luftseilbahn passierte, war mir klar, dass ich die Gondel heute noch benutzen würde - um vom Berg wieder herunter zu kommen. 

Entsprechend folgte ich ab Orselina dem Wegweiser Richtung Cardada. Der Weg führte - mit zahlreichen Stufen - im Zickzack den Wald hinauf. Die Bäume hatten noch keine Blätter, so dass der Blick auf den Lago Maggiore und die umliegenden Berge frei blieb. Die einzigen Lebewesen, denen ich begegnete, waren Eidechsen, die sofort ins raschelnde Laub flohen, wenn ich näher kam. Ich freute mich über diese Begleiter, bis mir in den Sinn kam, dass es im Tessin Giftschlangen gibt. Ab diesem Zeitpunkt war ich aufmerksamer, was sich da auf den warmen Steinen sonnte. 

Die Stufen und die Sonne brachten mich ins Schwitzen und meinen beschränkten Trinkvorrat - ich hatte ja nur eine lockere Wanderung geplant - zum Schmelzen. Ein Blick auf die Karte zeigte, dass ich nicht mehr weit von Monte Brè entfernt war, und ich nahm mir vor, mich dort mit einer kühlen Cola zu belohnen. In Monte Brè angekommen, musste ich aber feststellen, dass der Ort zwar mit unzähligen Treppen und Ferienhäuschen mit einem spektakulären Blick auf den Lago Maggiore aufwarten kann, doch mit keinem einzigen Restaurant oder Laden. Selbst der Dorfbrunnen war ausgetrocknet. So blieb mir nichts anderes übrig, als mein Wasser zu rationieren und weiter hochzusteigen - wen wundert's, über noch mehr Stufen. Ich hatte zwar auf der Karte gesehen, dass der Cardada 1'340 m hoch ist, hingegen hatte ich übersehen, dass Locarno auf nicht einmal 200 m über Meer liegt, und folglich mehr als 1000 Höhenmeter zu überwinden waren.

Die Stufen hörten auf, wo der Schnee sie überdeckte; auf den letzten Höhenmeter lag nämlich noch eine dicke Schneeschicht. Dann erreichte ich endlich den Gipfel. Von der "Passerelle", einer Aussichtsplattform, die eine gewisse Schwindelfreiheit voraussetzt, hatte man einen tollen Blick über den Lago Maggiore mit den Brissago-Inseln und auf das Alpenpanorama mit Monte Rosa und Dufourspitze. Allein dafür hatte sich der Aufstieg gelohnt. Die Cola genoss ich schliesslich auf der Terrasse des Ristorante Cardada.

Mit der Gondel fuhr ich zurück nach Orselina und nahm ich mir dort etwas Zeit, das Kloster Madonna del Sasso zu besichtigen. Eindrucksvoll fand ich vor allem die Wallfahrtskirche: Der Raum ist für eine Kirche nicht besonders hoch, dafür aber mit Engelsstatuen und Fresken sehr üppig ausgestaltet. 
Entlang des Kreuzweges stieg ich die Stufen nach Locarno hinunter, wo ich mich am Seeufer noch etwas an die Sonne legte. Für den Rückweg entschied ich mich gegen den Neigezug und nahm stattdessen den Interregio (mit sich nicht neigendem Panoramawagen). Durch die grossen Fenster hatte man zudem einen guten Ausblick auf die Autokolonne am Gotthard-Nordportal.
Wanderinfos:
  • Gewandert: Gründonnerstag, 24. März 2016
  • Route: Locarno - Madonna del Sasso - Orselina - Monte Brè - Cardada
  • Meine Wanderzeit: 3 h
  • Distanz: 7 km
  • Höhenmeter (Steigung): 1'180 m

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