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Sonntag, 8. September 2019

Lappland ist...wunderschön (Nordkalottleden 5/5)

@wandernohneende
Lappjordhytta
Am nächsten Morgen brachte uns der Praktikant der Huskyfarm mit dem Auto auf die Staumauer des Altevatn und damit zurück auf den Nordkalottleden. Auf einem breiten Feldweg wanderten wir entlang eines Baches und wurden Zeugen der ersten Flugversuche eines jungen Raufussbusshards - spektakuläre Bruchlandung inklusive.

Wir erreichten eine mit zahlreichen Wasserläufen durchzogene Ebene und da wir mehrere davon durchwaten mussten, zogen wir unsere Wanderschuhe zwischendurch gar nicht mehr an. Am höchsten Punkt des Tages kamen dann bereits die schwedischen Berge in Sicht. Wir stiegen zu unserer letzten Hütte auf norwegischem Boden ab. Die Lappjordhytta lag auf einer Anhöhe mitten in einem violetten Blumenmeer. Unter uns lag der Torneträsk, der grosse See, an welchem - am Horizont bereits sichtbar - Abisko und damit unser Endziel lag.

@wandernohneende
Am nächsten Tag ging es aber zunächst nur bis Björkliden, welches mehr oder weniger gegenüber der Lappjordhytta am anderen Seeufer lag. Von Weitem hatte es nach einer kurzen Wanderung ausgesehen, von Nahem zog sich das Ganze ziemlich in die Länge. Beim Abstieg überquerten wir zunächst die schwedische Grenze. Im ständigen Auf und Ab ging es dann durch das zerklüftete, coupierte Delta zweier Flüsse. Näherkommender Strassenlärm zeugte schliesslich davon, dass wir die Wildnis langsam aber sicher hinter uns liessen.

Wir überquerten eine Strasse und und die schmalen Wanderpfade verwandelten sich in breite Wanderwege. Wenig abwechslungsreich und vor allem lange zog sich die Strecke bis Björkliden schliesslich noch hin. Dort übernachteten wir in einem einfachen Hotel, doch als wir im Restaurant fast zwei Stunden auf unseren Rentierburger warten mussten, wünschten wir uns schon fast wieder die Selbstkocherhütten zurück.
@wandernohneende
Blick vom Njulla auf den Torneträsk
Von Björkliden nach Abisko ist es kaum mehr als ein Steinwurf. Doch so ohne letzten Höhepunkt - diesmal im eigentlich Sinn des Wortes - sollte die Wanderung nicht enden. Daher stiegen wir zum Abschluss auf den Njulla, denn schliesslich kann man so ganz ohne Gipfelerlebnis ja nicht zwei Wochen wandern. Für die zusätzliche Anstrengung wurden wir mit einem überwältigenden Ausblick über den langgezogenen, tiefblauen Torneträsk belohnt. Ein perfekter Abschluss für die gelungene Tour!

@wandernohneende
In Abisko verbrachten wir die letzte Nacht in der Fjällstation, wo sich viele andere Wanderer versammelt hatten, die auch auf dem Nordkalottleden oder dem Kungsleden unterwegs waren. Beim Abendessen im ziemlich schicken Restaurant der sonst eher einfachen Herberge stiessen wir auf unseren Erfolg an, bevor wir am nächsten Tag die (sehr) lange Heimreise antreten mussten.







Gewanderte Etappen:

  • Tag 9 (Dienstag, 30. Juli 2019): Innset Huskyfarm - Laievaggi - Lappjordhytta (23 km/8,5 h)
  • Tag 10 (Mittwoch, 31. Juli 2019): Lappjordhytta - Björkliden (15 km/5,5 h)
  • Tag 11 (Donnerstag, 1. August 2019): Björkliden - Njulla - Abisko (10 km/4 h)


  • => Alle Etappen des Nordkalottleden gibt es hier.

    => Bereits 2017 wanderte ich ab Abisko auf dem Kungsleden nach Vakkotavare. Meine Blogbeiträge dazu gibt es hier.



    Sonntag, 1. September 2019

    Lappland ist...Wildnis pur (Nordkalottleden 4/5)

    Von der Dividalshytta stiegen wir durch einen Mischwald aus Birken und Fichten hinab zum Fluss, der das breite Tal durchfloss. Wir schlugen uns durch den dichten, sumpfigen Uferbewuchs und zusammen mit der schwülen Hitze wähnte man sich in einem tropischen Urwald und nicht im hohen Norden. Eine wacklige Brücke brachte uns über den Fluss und entlang eines rauschenden Wildbachs stiegen wir in ein Seitental hoch. Ein Wasserfall stürzte tosend über die Felsen und in seiner Gischt leuchtete ein Regenbogen. Wildnisfeeling pur!

    Weiter ging es durch einen scheinbar endlosen Birkenwald und die Wanderung entwickelte sich schon zum zweiten Mal an diesem Tag zu einem Kampf gegen eng stehende Bäume und sumpfigen Boden, in welchem die Wegspur teilweise einfach verschwand. Als die Strecke wieder etwas anstieg, liessen wir den Wald hinter uns und sofort wurde die Landschaft wieder karg und baumlos. Der ständige, übergangslose Wechsel der Vegetationszonen erstaunte mich immer wieder.

    @wandernohneende
    Hinter einer Kuppe tauchte plötzlich ein blauer See auf und daneben die nächste Hütte. Die Vuomahytta und der gleichnamige See auf der einsamen, baumlosen Hochebene war für mich der schönste Ort der gesamten Wanderung. Nach dem schweisstreibenden Tag genossen wir ein erfrischendes Bad im See und setzten uns dann in die gemütliche Sofaecke der Hütte, welche eine atemberaubende Aussicht auf die urtümliche Landschaft bot. 

    Ich hätte es in der Vuomahytta noch ein paar Tage ausgehalten. Doch am nächsten Morgen ging es wie gewohnt weiter. Unterdessen lastete der Rucksack nicht mehr so schwer auf den Schultern und weder lockeres Geröll, Sumpf noch die Überquerung von Bächen oder Schneefeldern machten uns noch etwas aus. Wir kamen schon fast so gut vorwärts, die wie Rentiere, die unseren Weg kreuzten.

    @wandernohneende
    Vuomahytta
    Die Gaskashytta lag oberhalb eines grossen Sees und die Boote, die auf ihm kreuzten, sowie der Handyempfang zeigten, dass wir zumindest wieder in der Nähe der Zivilisation waren. Am nächsten Tag war die Wanderung nur kurz. Über zahlreiche Holzplanken, die trocken über den Sumpf am Seeufer führten, erreichten wir eine lockere Ansammlung von Ferienhäuschen. Dort wurden wir mit dem Auto abgeholt, denn für einmal übernachteten wir nicht in einer Hütte, sondern im Gästehaus einer Huskyfarm. Da gab es nach einer Woche nicht nur die erste warme Dusche, sondern auch frischen Lachs und Gemüse zum Abendessen.




    Gewanderte Etappen:

  • Tag 6 (Samstag, 27. Juli 2019): Dividalshytta - Anjanvassdalen - Vuomahytta (19 km/6,5 h)
  • Tag 7 (Sonntag, 28. Juli 2019): Vuomahytta - Gaskasdalen - Gaskashytta (17 km/6 h)
  • Tag 8 (Montag, 29. Juli 2019): Gaskashytta - Innset Huskyfarm (10 km/3 h)


  • Hier geht es weiter auf dem Nordkalottleden => Teil 5: Lappland ist...wunderschön



    Sonntag, 25. August 2019

    Lappland ist...weitläufig (Nordkalottleden 3/5)

    @wandernohneende
    Vor zwei Jahren auf dem Kungsleden hatte ich mich morgens regelmässig über den Porridge beschwert, den es gefühlsmässig täglich zum Frühstück gegeben hatte. Dieses Jahr hatte ich schon fast ein schlechtes Gewissen, was sich Steffi alles hatte einfallen lassen, um Abwechslung in den morgendlichen Essensplan zu bringen: Neben Pancakes gab es unter anderem süssen Couscous und Haferküchlein mit eingelegten Früchten. Da wähnte man sich gar nicht mehr in einer Selbstversorgerhütte mitten in der Wildnis.

    Gerade für die nächsten zwei Tagen brauchten wir die Energie eines reichhaltigen Frühstücks, denn vor uns lagen die längsten Etappen der Wanderung. Sie starteten mit der Überquerung einer ziemlich wackeligen Brücke, die scheinbar aus freischwingenden Holzpaletten bestand. Wie am Vortag ging es zu Beginn vornehmlich aufwärts. Wir liessen das grüne Tal von Rostdalen hinter uns und vor uns öffnete sich die schier endlose Weite, die für Lappland so typisch ist. Je weiter nach oben wir kamen, je steiniger wurde die Landschaft, bis wir schliesslich über ein ausgedehntes Geröllfeld aus eckigen Steinbrocken jeglicher Grösse balancieren mussten, was einiges an Konzentration und Kraft erforderte.

    Die Wanderwege in Norwegen sind - obwohl weit weg von jeder Zivilisation - sehr üppig mit markierten Steinmännchen gekennzeichnet. Beim Abstieg zur Daertahytta trafen wir auf eine Frau, die gerade dabei war, Steine zu schichten und mit dem typischen roten Punkt zu versehen. Sie erzählte uns, dass sie als Freiwillige für den norwegischen Tourismusverband jedes Jahr mehrere Wochen damit verbringt, von Hütte zu Hütte zu ziehen, die Wege zu kontrollieren und wo notwendig, neu zu markieren. Eine Sisyphusarbeit, wenn man die schiere Ausdehnung des Gebiets bedenkt.

    Die Daertahytta lag einsam in der Mitte einen grossen Seenplatte. Dieser folgten wir am nächsten Tag bis uns ein niedriger Übergang ins nächste Tal brachte, in welchem noch mehr Seen aufgereiht aneinander lagen. Wir durchquerten die breite Ebene und kamen dabei das erste Mal so richtig ausgiebig in Genuss von einer weiteren lappländischen Spezialität, die ich schon fast vermisst hatte: Sumpf. Die beste Strategie, die sumpfigen Stelle zu passieren, war, möglichst schnell zu gehen und auf keinen Fall stehen zu bleiben.
    @wandernohneende

    Wir überquerten einen breiten, flachen Fluss, der so mit so vielen Steinen übersät war, dass wir die Schuhe nicht auszuziehen mussten, sondern einfach von Stein zu Stein balancieren konnten. Danach folgte einer der längsten und steilsten Aufstiege der ganzen Wanderung, für den wir uns mit Snickers stärkten, die uns ein Schweizer Wanderer, den wir in den letzten Tagen mehrmals in den Hütten getroffen hatten, geschenkt hatte. Die Belohnung für die Anstrengung kam schliesslich, als sich vor uns das nächste Tal öffnete: Unter uns lag eine riesige Waldfläche des Dividalnationalparks. Am Horizont glitzerte ein Fluss in der tiefstehende Sonne. Nach der kargen Landschaft der letzten Tage war die plötzlich üppige Vegetation überwältigen.

    Durch einen Birkenwald, in welchem die Blumen teilweise kniehoch standen, stiegen wir ab bis zur Hütte, die auf einer baumlosen Kuppe lag und beste Sicht in den Nationalpark bot, so dass die schmerzenden Füsse nach der langen Etappe schnell in den Hintergrund rückte.


    Gewanderte Etappen:

  • Tag 4 (Donnerstag, 25. Juli 2019): Rostahytta - Buossir - Daertahytta (17 km/7 h)
  • Tag 5 (Freitag, 26. Juli 2019): Daertahytta - Jertaskard - Dividalshytta (24 km/8,5 h)


  • Hier geht es weiter auf dem Nordkalottleden => Teil 4: Lappland ist...Wildnis pur






    Sonntag, 18. August 2019

    Lappland ist...anders (Nordkalottleden 2/5)

    @wandernohneende
    Gappohytta
    Am zweiten Wandertag meiner Wanderferien fing das Wandern schliesslich ernsthaft an. Als ich meinen Rucksack schulterte, kamen mir aber kurz Zweifel am Erholungsfaktor der gewählten Urlaubsart: Neben unserer persönlichen Ausrüstung hatten wir Nahrungsmittel für acht Tage dabei, die schwer auf unseren Schultern lasteten.

    Die Wanderung begann mit der Durchquerung eines Birkenwäldchens voll knorriger Bäume und Scharen hungriger Mücken. Doch schon bald liessen wir den Wald hinter uns und vor uns lag eine mit Flechten und Steinen überzogene, weite Ebene. Wir hielten auf die Berge am Horizont zu, deren Hänge von Schneefeldern bedeckt waren. Von einer Anhöhe aus warfen wir einen letzten Blick auf Finnland zurück. Auf norwegischem Boden, aber immer nahe an der Grenze zu Schweden, wanderten wir durch die karge Landschaft.

    In einem Flussbett auf flach geschliffenen Steinen machten wir Pause und gönnten unseren beanspruchten Füssen eine Abkühlung im kühlen Wasser. Auf dem letzten Stück zur Hütte lernten wir dann die norwegische Variante des Nacktwanderns kennen: Bikini-Wandern. Auch wenn es mir in meinen langen Hosen langsam warm wurde, in dieser Mücken verseuchten Gegend schien mir Schwitzen die schmerzfreiere Option.

    @wandernohneende
    Letzter Blick auf Finnland

    Die Nacht verbrachten wir in der Gappohytta und als wir am nächsten Morgen aufstanden, stellten wir fest, dass nicht nur alle Betten der kleinen Hütte besetzt waren, sondern sich auch auf den Bänken während der Nacht weitere müde Wanderer schlafen gelegt hatten. Damit trat ein weiterer Unterschied zwischen schweizerischer und norwegischer Wanderkultur zu Tage: Während man uns Schweizern von Kind auf beigebracht hatte, dass man vor Sonnenuntergang zurück in der Hütte ist, haben die Norweger offensichtlich verinnerlicht, dass es im Sommer keinen Sonnenuntergang gibt und es entsprechend keine Rolle spielt, ob man tagsüber oder nachts wandert.

    @wandernohneende
    Isdalen
    Wir waren also die ersten, die sich an diesem Tag auf den Weg machten. Die Strecken wurden weiter, der Rucksack aber nicht leichter. Den ganzen Vormittag ging es immer leicht aufwärts, doch ohne die ungewohnte Last auf den Schultern wäre die Steigung nicht der Rede wert gewesen. Dazwischen durchquerten wir unseren ersten lappländischen Fluss und einen Zipfel von Schweden.

    Der höchste Punkt des Tages war ein Pass, der nur aus Geröll und See bestand, beides teilweise noch dick mit Schnee bedeckt. Eine Herde Rentiere rannte von einem Schneefeld an einer der Bergflanken zum Pass hinunter und an uns vorbei, um sich etwas später auf einem anderen Schneefeld neu zu versammeln.

    @wandernohneende
    Bei unserem eigenen Abstieg über die steilen Schneefelder konnte man einen ersten Blick ins breite, grüne Tal unter uns werfen. Am Talboden angekommen, musste erneut ein Fluss überquert werden. Sein Ursprung lag im schneebedeckten See auf der Passhöhe - entsprechend eisig war die Wassertemperatur. Kaum waren die Füsse danach wieder etwas aufgewärmt, kam der nächste kalte Bach. Das Durchqueren der Flüsse stellte sich auch als nicht ganz ungefährlich heraus: Eine Mitwanderin holte sich an einem scharfen Stein einen tiefen Schnitt.

    Die Zwangspause zur anschliessenden Wundversorgung verbrachten wir an einem grünen See, in welchen ein rauschender Wasserfall hinabstürzte. Eine einzelne Möwe drehte Kreise über dem Wasser, was die Idylle perfekt machte. Ein kurzer Abstieg brachte uns schliesslich ins Haupttal hinunter, wo unsere nächste Unterkunft, die Rostahytta, direkt an einem breiten Fluss lag.


    Gewanderte Etappen:

  • Tag 2 (Dienstag, 23. Juli 2019): Kuohikmajärvi Tupa - Valljihat - Gappohytta (14 km/4,5 h)
  • Tag 3 (Mittwoch, 24. Juli 2019): Gappohytta - Isdalen - Rostahytta (19 km/6,5 h)


  • Hier geht es weiter auf dem Nordkalottleden => Teil 3: Lappland ist...weitläufig




    Sonntag, 11. August 2019

    Lappland ist...weit weg (Nordkalottleden 1/5)

    @wandernohneende
    Schon zum zweiten Mal zog es mich zum Wandern in den Norden. Vor zwei Jahren war ich vornehmlich auf dem schwedischen Kungsleden unterwegs gewesen, dieses Mal ging es nochmals etwas weiter nördlich auf den Nordkalottleden (norwegisch: Nordkalottruta), ein Fernwanderweg, der die skandinavischen Länder Finnland, Norwegen und Schweden umspannt. Ich war wieder mit WeitWandern unterwegs und wie das letzte Mal führte uns Steffi sicher durch die lappländische Wildnis.

    Die Anreise in den hohen Norden jenseits des Polarkreises war lang und beinhaltete eine extensive Nutzung des öffentlichen Verkehrs, obwohl ich mit dem Flugzeug abkürzte und erst in Stockholm zum Rest der Gruppe stiess. Mit dem Nachtzug ging es von Stockholm weiter quer durch Schweden nach Luleå. Die Kleinstadt war am frühen Sonntag morgen wie ausgestorben, doch einen Kaffee konnten wir schliesslich doch noch auftreiben. Mit dem Bus ging es anschliessend bis nach Haparanda an der schwedisch-finnisch Grenze. Dieser Ort schien nur aus dem Busbahnhof und einem überdimensionierten IKEA zu bestehen.

    @wandernohneende
    Dreiländereck
    Wir überquerten die Grenze und stellten unsere Uhren eine Stunde vor - Finnland ist in einer anderen Zeitzone als seine skandinavischen Nachbarn, wie ich erstaunt feststellte. Das letzte Stück an diesem Tag legten wir mit dem Zug zurück und erreichten am Nachmittag Rovaniemi, die inoffizielle Hauptstadt von Lappland. Wir verbrachten die Nacht in einem Hostel und genossen ein letztes Mal die Annehmlichkeiten der Zivilisation: Ein Cocktail auf der Terrasse, ein umfangreiches Frühstücksbuffet und eine heisse Dusche.

    Am nächsten Morgen brachte uns schliesslich eine achtstündige Busfahrt nach Kilpisjärvi am gleichnamigen See. Wir überquerten den See mit dem Boot und dann begann endlich der Wanderteil meiner Wanderferien. Den ersten Stopp machten wir am Dreiländereck, wo Schweden, Finnland und Norwegen aufeinander treffen. Die Stelle ist mit einem grossen, gelben Betonklotz markiert. Die erste Nacht verbrachten wir in einer finnischen Hütte und schlugen unsere erste Schlacht gegen ein Heer lappländischer Mücken.


    Gewanderte Etappen:

  • Tag 1 (Montag, 22. Juli 2019): Kilpisjärvi/Koltaluokta - Kuohikmajärvi Tupa (3,5 km/1 h)


  • Hier geht es weiter auf dem Nordkalottleden => Teil 2: Lappland ist...anders



    Mittwoch, 30. August 2017

    Zurück zur Zivilisation (Lappland/Kungsleden 6/6)

    Teusajaure
    [Donnerstag, 27.7.2017; Teusajaure - Vakkotavare; 16 km] Bereits brach der letzte Wandertag an. Wir standen früh auf, denn - und das war das erste Zeichen, dass es zurück in die Zivilisation ging - es galt einen Bus zu erreichen. Der Hüttenwart brachte uns mit dem Motorboot über den See, was uns eine mühsame Ruderei ersparte.

    Anschliessend folgte ein langer Aufstieg, sehr ähnlich wie die Passüberquerung vom Vortag: Eine sanfte, aber stetige Steigung, die keine Ende zu nehmen schien. Dafür brachte der Tag einen Querschnitt aus allem, was diese Lapplandtour ausgemacht hatte: Sumpf, Schneefelder, schmale Holzplanken, Mücken und diese schier endlose Weite. Im Hintergrund sah man bereits die schneebedeckten Gipfel des Sarek-Gebirges.

    Unsere Route durch Lappland
    Nach einem kurzen, aber steilen Abstieg kam dann das nächste Zeichen, dass die Zivilisation uns nach elf Tagen und 180 km wieder hatte: Ein Strommast. In Vakkotavare hatte schliesslich auch mein Handy - das erste Mal seit fast zwei Wochen - wieder Empfang. Wir erreichten damit die Zivilisation gerade rechtzeitig, bevor meine AntiBrumm- und Parapic-Vorräte endgültig zu Neige gingen.

    Wir übernachteten nicht in der Vakkotavare-Stugan, sondern fuhren mit dem Bus entlang des Akkajaure-Stausees zu einem kleinen Motel, um die Annehmlichkeiten der Zivilisation zu geniessen: Eine warme Dusche und ein Rentiersteak im Restaurant (und ein Frühstücksbuffet ohne Porridge am anderen Morgen).

    * * * * *

    Wenn ich heute - einen guten Monat später - auf die Tour zurückblicke, bleiben mir - neben Morast, Mücken und Porridge - vor allem die Abgeschiedenheit und unendliche Weite der Landschaft sowie die Vielfalt der Pflanzen, die in dieser kargen Umgebung gedeihen, in Erinnerung. In den zwei Wochen haben wir nur einen kleinen Teil von Lappland erwandert, und ich hoffe, dass ich irgendwann zurückkehre, um weitere Teile zu entdecken.

    => Alle Blogbeiträge zu meiner Kungsleden-Tour es hier.


    Post scriptum:
    => Zwei Jahre später verschlug es mich tatsächlich zurück nach Lappland, diesmal auf den Nordkalottleden, die entsprechenden Blogbeiträge gibt es hier.






    Mittwoch, 23. August 2017

    Flüsse, Seen und Blasen an den Füssen (Lappland/Kungsleden 5/6)

    [Dienstag, 25.7.2017; Singi - Kaitumjaure; 13 km] Die letzten drei Tage folgten wir dem Kungsleden. Da viele Wanderer in Singi starten resp. aufhören, ist dieser Teil nicht so stark begangen, trotzdem vermisste ich abends jeweils die kleinen, einsamen Hütten wie Nallo oder Hukejaure.

    Von Singi aus wanderten wir durch das ausgedehnte Tal, entlang von Seen und einem breiten Fluss. Im Gegensatz zu den Trampelpfaden in den Seitentälern war der Weg hier besser ausgebaut und über alle Flüsse und die meisten Sümpfe führten Brücken oder breite Holzplanken. Es sollte der erste Tag werden, an dem ich mit trockenen Schuhen bei der Hütte ankam - und der erste mit einer Blase an der Ferse. Soviel Trockenheit waren sich meine Füsse offenbar nicht mehr gewohnt.

    Wir suchten uns für die Mittagsrast eine Wind ausgesetzte Kuppe (hilft gegen Mücken) und erfrischten uns bei einem kurzen Bad im Fluss. Danach wurde das Tal enger und der Fluss grub sich unter uns immer tiefer in seine Schlucht hinein. Zum ersten Mal seit Tagen durchquerten wir wieder ein Birkenwäldchen und die ungewohnte Hitze machte uns zu schaffen. Wir hielten die Pausen trotzdem kurz, denn in Kaitum winkte die Aussicht auf ein kühles Bier, nachdem wir uns die letzten beiden Tagen mit Wasser hatten begnügen müssen, da die Hütten über keinen Laden verfügt hatten.

    Plötzlich endete das Tal und unter uns lag ein grosser, tiefblauer See, umgeben von einem dicht bewaldeten Ufer. Die beste Aussicht über den See und das Tal hatte man von den Treppenstufen der Kaitumjaure-Stugorna aus, wo wir uns das langersehntes Bier gönnten. Der kleine Laden beendete überigens auch die Pancakes-Phase und Steffi konnte wieder ihren heissgeliebten Porridge kochen.

    Kaitumjaure
    Daneben hatte es in Kaitum auch eine Sauna, was vor allem bedeutete, dass ich mich wieder einmal waschen konnte, ohne von Mücken aufgefressen zu werden. Weitere Highlights von Kaitum waren der kleine Sandstrand am Fluss und die Sicht auf die Elche, welche am Abend auf einer Insel im Flussdelta Futter suchten.

    [Mittwoch, 26.7.2017; Kaitumjaure - Teusajaure; 10 km] Der zweitletzte Wandertag brachte eine gemütliche, kurze Etappe. Wir wanderten entlang des Flusses, der über zahlreiche Stufen hinab donnerte. Schliesslich bogen wir nach Süden ab und stiegen zu einem Pass hoch, der zwar nicht besonders viele Höhenmeter aufwies, die wenigen sich aber schier endlos hinzuziehen schienen, denn hinter jeder Kuppe tauchte die nächste auf. Die Hochebene endete abrupt an einer rötlichen Felsformation, über deren Terrassen ein Bach floss und über einen fast senkrechten Abhang in die Tiefe stürzte.

    Teusajaure
    Bevor wir uns selber an den steilen Abstieg machten, nutzten wir die warmen Steine für eine lange Pause. Einige nahmen sogar ein kurzes Bad unter einem Wasserfall. Ich wartete mit dem Bad, bis wir schliesslich die Teusajaure-Stugorna erreichten, die direkt an einem grossen See liegt. Nachdem die Hüttenwartin zudem versichert hatte, dass die Mückendichte bei ihrer Hütte ungewöhnlich klein war, verzichtete ich sogar auf die Sauna zugunsten eines (sehr) kurzen Bads im See - die lappländischen Seen sind nicht wirklich wärmer als die Flüsse. Aufwärmen konnte man sich danach beim Sonnenbad auf den glitzernden Steinen am Strand. Die Mückendichte war in Teusajaure tatsächlich niedriger - sie war aber nicht null, wie ich feststellen musste.


    Hier geht's weiter auf dem Kungsleden => Teil 6: Zurück zur Zivilisation

    Mittwoch, 16. August 2017

    Geröll, Schnee und unendliche Weiten (Lappland/Kungsleden 4/6)

    [Samstag, 22.7.2017; Nallo - Sälka; 11 km] Am nächsten Tag verliessen wir die gemütliche Nallo-Stugan und folgten weiter dem Tal, das leicht anstieg und sich dann zu einer breiten Ebene ausweitete. Eine schier endlose Weite aus Schnee und Geröll lag vor uns. Die Schneefelder waren noch hart und damit gut zu überqueren. Sumpf gab es nur an Stellen, wo der Schnee schon geschmolzen war und unzählige Rinnsale aus Schmelzwasser zurückgelassen hatte. Im Vergleich zum Matsch von anfangs Woche eigentlich nicht der Rede wert. Am Morgen schien die Sonne und wir waren schon kurz davor, uns über die Hitze zu beklagen, wenn die Erinnerungen an den Regen und die Kälte nicht noch so lebhaft gewesen wären.

    Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten wir das Ende der Hochebene und während des kurzen Abstiegs sah man unten im Tal, am Kopfende eines ausgedehnten Sees, bereits die nächste Hütte. Die Sälka-Stugorna lag wieder direkt am Kungsleden, entsprechend voll war die Hütte - und die Sauna. Zudem waren im kleinen Laden sämtliche Haferflocken ausverkauft, was vor allem Steffi, welche uns jeden Morgen mit Porridge versorgte, Sorgen machte. Sie musste schliesslich für die nächsten Tage auf Pancakes mit Nutella ausweichen - ich war untröstlich.

    Dafür konnte Sälka mit einer Horde fast zahmer Schneehühner aufwarten, die sich in einem Stapel Birkenholz eingerichtet hatten.

    [Sonntag, 23.7.2017; Sälka - Hukejaure; 24 km] Als ich vor meiner Abreise meinen Freunden von meinen Ferienplänen erzählte, kam jedesmal die Warnung vor riesigen Mückenschwärmen. Nach den ersten paar Wandertagen hatte ich zwar einzelne Mückenstiche, doch eigentlich fand ich das Ganze harmlos. Das änderte sich ab der langen Etappe nach Hukejaure, wo ich mehr Anti-Brumm verbrauchte als die Tage zuvor zusammen genommen.

    Wir verliessen wieder den Kungsleden und stiegen in ein grasbewachsenes Seitental auf und passierten einen tiefblauen See nach dem anderen. Um die Talseite zu wechseln, galt es wieder einmal, einen Fluss zu durchqueren. Mir froren die Zehen bereits beim Blick auf das breite Flussbett fast ab, doch dieses Mal empfand ich die Durchquerung gar nicht so schlimm: Entweder wurde durch das schöne Wetter das Wasser wärmer oder ich hatte mich mittlerweile daran gewöhnt - oder meine Kältenerven in den Zehen waren bereits abgestorben.

    Bei einer Pause entdeckten wir auf einem Schneefeld am Berghang gegenüber eine Herde Rentiere. Offenbar suchen sie Schneefelder auf, weil es dort weniger Mücken geben soll. Eine Theorie, die ich nicht bestätigen kann: An diesem Tag musste ich das erste Mal in meinem Leben mitten in einem Schneefeld einen Angriff von ausgehungerten Mücken abwehren.

    Nach einer letzten Steigung öffnete sich der Blick auf eine mit Wasser und Schnee durchzogenen Ebene. Wo genau das Wasser aufhörte und der Schnee anfing, war nicht immer klar. Die Hukejaure-Stugan lag auf einem Felsen direkt über einem See und man hatte bereits klare Sicht auf die norwegischen Berge, so nahe an der Grenze waren wir.

    Die Hütte hatte keine Sauna und um sich zu waschen, musste man in den Sandalen ein Schneefeld zum See hinab rutschen, um sich dann der eigentlichen Herausforderung zu stellen: Sich schneller aus- und anziehen, als die Mücken zustechen konnten. Ich versagte kläglich.

    [Montag, 24.7.2017; Hukejaure - Singi; 22 km] Am Morgen lag eine dünne Eisschicht auf dem See, aus welchem man das Wasser für den Kaffee holte. Eine weitere lange Etappe lag vor uns und Steffi führte uns sicher durch ein einsames Tal, entlang von unzähligen, teilweise noch eis- und schneebedeckten Seen. Die Strecke war meist weglos und nur spärlich markiert, wobei man nicht immer ganz sicher war, ob es sich bei den Steinhaufen um eine Wegmarkierung handelte oder ein Überbleibsel aus der letzten Eiszeit.

    Schliesslich sahen wir tief unter uns das grüne Haupttal, in welchem sich mäanderartig ein breiter Fluss ausgebreitet hatte. Über zahlreiche Terrassen stiegen wir immer tiefer herunter und von weitem sahen wir bereits die nächste Hütte.

    Singi liegt an einem Knotenpunkt des Kungsleden, viele Wanderer starten bzw. hören hier auf. Entsprechend voll war die Hütte, bereits in der Nacht zuvor hatte der Hüttenwart fast doppelt so viele Leute unterbringen müssen, wie er Betten zur Verfügung hatte. Dank zusätzlichen Matratzen auf dem Boden fanden schliesslich alle einen Schlafplatz. Da Singi ebenfalls nicht über eine Sauna verfügt, blieb mir nichts anderes übrig, als es für die abendliche Wäsche erneut mit den Mücken am Bach aufzunehmen. Als Entschädigung für die Enge und die Mücken gab es vom Küchenfenster aus direkte Sicht auf zwei Elche, die den Fluss durchschwammen.


    Hier geht's weiter auf dem Kungsleden => Teil 5: Flüsse, Seen und Blasen an den Füssen









    Mittwoch, 9. August 2017

    Rentiere, Elche und viel Sonne (Lappland/Kungsleden 3/6)

    [Donnerstag, 20.7.2017, Alesjaure - Vistas; 19 km] Es war ein weiterer kühler Morgen, aber dank des Trockenraums der Alesjaure-Stugan waren meine Handschuhe wieder einsatzbereit. Doch die Handschuhe konnte ich schon bald wieder ausziehen und es wurde der erste Tag, an welchem ich Regenjacke, Regenhose und Regenüberzug in meinem Rucksack verstauen konnte - welcher dadurch natürlich gleich schwerer wurde.

    Wir durchquerten ein kleines Samendörfchen und bogen dann in ein einsames Seitental ein. Über die Berghänge fielen unzählige Wasserfälle und vereinten sich in der Talmitte zu einem breiten Fluss. Der Weg führte über ausgedehnte Geröllfelder, die teilweise aus lockeren Steinen bestanden, teilweise längst von Blumen und kleinen Birken überwuchert worden waren.

    Wir passierten eine Herde von Rentieren, die im hohen Gras weideten und uns ebenso neugierig musterten wie wir sie. Als wir nach einer weiteren mühseligen Flussdurchquerung am Boden sassen, um wieder unsere Wanderschuhe anzuziehen, huschte ein Rudel von halbwüchsigen Rentierböcken an uns vorbei und zeigte uns, wie man Flüsse elegant überquert.

    Ich freute mich zu früh darüber, dass sich der Sumpf an diesem Tag in Grenzen hielt, denn die letzten Kilometer mussten wir uns durch ein Birkenwäldchen kämpfen, in welchem der Matsch knöcheltief stand. Nach diesem kräfteraubenden Endspurt erreichten wir die Vistas-Stugan, die in einer kleinen Waldlichtung direkt am Fluss liegt - natürlich inklusive Sauna, die wir uns an diesem Tag redlich verdient hatten. Das Abschlusshighlight des Tages bildeten dann aber drei Elche, welche wir am Abend auf der gegenüberliegenden Flussseite, gut getarnt durch den dichten Birkenwald, entdeckten.

    Nallo-Stugan
    [Freitag, 21.7.2017; Vistas - Nallo; 9 km] Es war der erste Tag, welcher uns bereits am Morgen mit blauem Himmel begrüsste und an welchem man im T-Shirt wandern konnte. Wir stiegen in ein Seitental ein, immer direkt auf einen markanten Berg zu, der mich ans Matterhorn erinnerte. Die wandertechnische Herausforderung des Tages bestand darin, von Stein zu Stein zu hüpfen - entweder um sumpfige Stellen und kleine Bäche trockenen Fusses zu überqueren oder um über breite Geröllfelder zu balancieren.

    Am Fusse des Berges machten wir ein kleines Mittagsschläfchen an der Sonne. Bald darauf erreichten wir bereits die kleine Hütte, die in der Mündung zweier Flüsse liegt. Steinmännchen im Wasser kennzeichneten die Stelle, wo man den Fluss am besten überqueren konnte. Die Nallo-Stugan war eine der schönsten Hütten, in der wir übernachteten. Die Hütte liegt zwar auf nicht einmal 1000 m Höhe, trotzdem war sie nur von Felsen, Schnee und Wasser umgeben; ausser kurzem Gras und ein paar Flechten gab es keine Vegetation mehr. In der Schweiz findet man solche Landschaften erst über 2000 m. Der Nachteil der baumlosen Lage war, dass die Hütte - eben mangels Holz - keine Sauna hatte, doch das nahm ich an diesem Tag gerne in Kauf.


    Hier geht's weiter auf dem Kungsleden => Teil 4: Geröll, Schnee und unendliche Weiten




    Mittwoch, 2. August 2017

    Regen, Sumpf und nasse Füsse (Lappland/Kungsleden 2/6)

    [Dienstag, 18.7.2017; Abiskojaure - Unna Allakas; 24 km] Am zweiten Wandertag bewies Lappland, dass es noch nasser und noch sumpfiger sein konnte: Wir verliessen den Kungsleden und bogen in ein weniger begangenes Tal ab. Von Anfang an hatte sich der Weg - wo er nicht komplett unter Wasser stand - in einen tiefen Morast verwandelt. Es gab weniger Holzplanken als auf dem Kungsleden und diese waren oft schmaler und morscher - sofern sie nicht bereits komplett vom Sumpf verschluckt worden waren. Wir versuchten den ärgsten Matsch zu umgehen, indem wir uns durch das dichte Buschwerk kämpften - nicht immer erfolgreich. Zur Mittagszeit hatte sich der Sumpf auch in meinem rechten Schuh ausgebreitet.

    Während des Tages veränderte sich allmählich die Landschaft: Der Birkenwald wurde lichter, die einzelnen Bäume kleiner und knorrig, bis sie schliesslich ganz aufhörten und einer baumlosen Tundra-Landschaft Platz machten, welche mit einzelnen Schneeflecken verziert war. Den ganzen Tag hatte der Regen nie richtig aufgehört und sobald wir den schützenden Wald hinter uns gelassen hatten, blies ein kühler Wind. Richtig kalt bekam ich aber erst, als wir in Sandalen mehrere Flüsse mit eiskaltem Wasser durchqueren mussten. Und die nassen Füsse zurück in die nassen Socken und Wanderschuhe zwängen, wärmte auch nicht wirklich.

    Nach zehn Stunden erreichten wir endlich die Hütte Unna Allakas, welche idyllisch über einem kleinen See liegt, die schneebedeckten Berge im Hintergrund. An diesem Abend wurden aber selbst in der Sauna meine Füsse nicht mehr richtig warm.

    [Mittwoch, 19.7.2017; Unna Allakas - Alesjaure; 17 km] Nach einer eher kühlen Nacht begann auch der Morgen kalt und windig. Handschuhe wären an diesem Tag gut gewesen, doch meine waren noch nass vom Vortag. Dafür waren meine Schuhe, die ich über den Holzofen gehängt hatte, über Nacht wieder einigermassen trocken geworden. Da die Etappe ohnehin mit den ersten nennenswerten Höhenmetern der Wanderung begann, bekam ich aber schnell warm. Es war auch weniger sumpfig als am Vortag, bzw. der Sumpf konzentrierte sich auf den Anfang und das Ende der Wanderung. Dazwischen überquerten wir eine ausgedehnte Hochebene, auf welcher noch Schnee lag. Es stellte sich heraus, dass es viel angenehmer war, auf Schnee zu gehen als durch Sumpf zu waten. Schnee lag auch am Ufer des Flusses, für dessen Überquerung wir wieder die Wanderschuhe ausziehen mussten - die Wassertemperatur war entsprechend. Neben den Schneefeldern behaupteten sich kleine Blumen und beim Aufstieg sahen wir Rentiere, die mit ihren Jungen über die karge Landschaft zogen.

    Es regnete weniger an diesem Tag und zwischendurch konnten wir zum ersten Mal die schwedische Sonne sehen, die sich - obwohl sie eigentlich nie unterging - bisher immer hinter Wolken versteckt hatte. Beim Abstieg öffnete sich der Blick über eine langgezogene Seenlandschaft, an deren Ende die nächste Hütte lag, die uns mit einem Regenbogen begrüsste - ein gutes Vorzeichen für die nächsten Tage.

    Alesjaure
    Die Hütten des STF sind - im Gegensatz zu schweizerischen SAC-Hütten - Selbstversorger-Hütten. Eine Hütte (Stugan bzw. Stugorna) besteht in der Regel aus mehreren Gebäuden: Ein Hauptgebäude, mehrere Gästehäuser, eine Plumpsklo und ein Saunahäuschen. Ein Hüttenwart (Stugvärd) begrüsst die Gäste, weist die Betten zu und führt oft einen kleinen Laden mit einem beschränkten Angebot aus Haferflocken, Bier und Schokolade. Die Gästehütten erinnerten mich an Jugendherbergen, mit Etagenbetten und gut ausgestatteten Gemeinschaftsküchen, in denen man am Gasherd das mitgebrachte Essen zubereiten kann. Die Ausstattung - von den Duvetbezügen über die Tische und Stühle bis zum Geschirr - ist immer gleich und erregte bei mir den Verdacht, dass der STF ein Grosskunde bei IKEA ist.

    Wasser holt man aus dem nahen Fluss oder See, abkochen ist nicht notwendig. Das Dreckwasser muss man zurück zu speziellen Senklöchern schleppen. Um sich an kühlen Tagen aufzuwärmen und die nassen Sachen zu trocknen, kann man in kleinen Öfen mit Birkenholz (das man zuerst spalten muss) Feuer machen. Das immer etwas abseits stehende Plumpsklo ist so anmächelig wie Plumpsklos eben sind. Die meisten Hütten haben zudem - und das war auf jeden Fall ein Highlight der Wanderung - eine Sauna. Darin kann man sich nicht nur aufwärmen, sondern die Saunaöfen produzieren auch heisses Wasser, mit welchem man sich nach den schweisstreibenden Wanderungen und vor dem Saunagang ausgiebig waschen kann.


    Hier geht's weiter auf dem Kungsleden => Teil 3: Rentiere, Elche und viel Sonne




    Sonntag, 30. Juli 2017

    Anreisechaos und erste Schritte (Lappland/Kungsleden 1/6)

    Als Fjäll bezeichnet man das Gebirge und die Berge nördlich der Waldgrenze in Lappland. In dieser - sehr abgeschiedenen - Region jenseits von Polarkreis und Handyempfang kämpfte ich mich elf Tage lang durch Sumpf und Mücken und war jeden Tag aufs Neue beeindruckt von der weiten, ursprünglichen Landschaft und der vielfältigen Pflanzenwelt, die dieser kargen Umwelt trotzt.

    Die Wanderung wurde organisiert von WeitWandern; Wanderleiterin Steffi navigierte unsere kleine, sehr bunte Gruppe kompetent und mit ausnehmender Gelassenheit durch das unwegsame Gelände. Dabei folgten wir - mehr oder weniger - dem schwedischen Fernwanderwege Kungsleden.

    [Samstag/Sonntag, 15./16.7.2017; Stockholm - Abisko; 1'300 km] Schweden ist sehr weitläufig - zu dieser Erkenntnis kam ich nicht erst beim Wandern, sondern bereits auf der langen Anreise von Stockholm nach Abisko, dem Ausgangspunkt der Wanderung, welcher rund 200 km nördlich des Polarkreises liegt. In der Theorie gibt es zwischen Stockholm und Abisko einen direkten Nachtzug, in der Praxis hatten wir offenbar das einzige Wochenende des Jahres erwischt, an welchem der Zug nicht bis Abisko durchfuhr. Die Gründe dafür blieben bis zum Schluss unklar: Der Zugsbegleiter sprach von einem entgleisten Zug, am Bahnhof war etwas von Unterhaltsarbeiten angeschrieben, während Steffi uns versicherte, dass der Ausfall schon vor Monaten im Fahrplan angemerkt gewesen war. Entsprechend verfügten wir über keine Reservation für den angeblich vorhandenen Bahnersatzbus, sondern mussten uns ab Luleå in den normalen Linienbus zwängen. Damit ging es uns aber immer noch besser als einer 20-köpfigen Gruppe junger Franzosen, für die es im Bus überhaupt keinen Platz mehr gab.

    Über sechs Stunden dauerte die Busfahrt durch die endlos scheinenden schwedischen Wälder insgesamt. In Kiruna mussten wir umsteigen und hier brach das Buschaos schliesslich endgültig aus: Es gab einen schwedischen Bus nach Abisko und einen norwegischen nach Narvik. Nachdem im schwedischen alle Sitzplätze vergeben waren, wollte dessen Chauffeur keine weiteren Passagier mehr mitnehmen. Der norwegische Buschauffeur - sein Bus war auch bereits überfüllt - wollte unsere Tickets nicht akzeptieren. Beide machten widersprüchliche Angaben, wo sie denn eigentlich hinfahren würden.

    Am Schluss kapitulierten beide Chauffeure vor der drängelnden, ungeduldigen Menschenmenge und warfen sämtliche Vorgaben betreffend stehende Passagiere, Tickets und Reiseziele über den Haufen. So kamen wir am späteren Nachmittag doch noch in Abisko an. Tief hängende Wolken verdeckten den Blick auf die umliegenden Berggipfel - nicht aber auf die Schneereste, die noch weit ins Tal hinunter reichten.

    Abiskojåkka
    [Montag, 17.7.2017; Abisko - Abiskojaure; 16 km] Der Regen der letzten Tage hatte Bäche und Flüsse anschwellen lassen, so dass wir kurzfristig unsere geplante Route anpassen mussten. Anstatt mit einem Abstecher in ein Seitental zu beginnen, starteten wir unser Wanderabenteuer mit der ersten Etappe des Kungsleden, welche den Abisko-Nationalpark durchquert. Der Weg führte durch einen ausgedehnten Birkenwald, immer dem Fluss entlang. Der Waldboden war überwuchert von Moosen und Sumpfpflanzen - ein deutliches Zeichen, dass es hier nicht nur bei Regen so nass war. Oft führten schmale Holzbretter über Bäche und über die sumpfigsten Stellen, doch das Wasser stand teilweise so hoch, dass es selbst diese Planken überflutet hatte, was deren Überquerung zu einem rutschigen Balanceakt machte.

    Den ganzen Tag über nieselte es zudem leicht, doch wir erreichten die schützende, geheizte Hütte bevor der Regen noch stärker wurde. Die Hütten des Schwedischen Tourismusvereins (STF), in denen wir jeweils übernachteten, haben weder Strom noch fliessend Wasser - dafür in der Regel eine Sauna. Dort konnten wir uns wieder aufwärmen. Ein Luxus, den ich an diesem und an den kommenden Tagen zu schätzen lernte.

    Ich war froh, den ersten Wandertag erfolgreich hinter mir zu haben, doch ich konnte jetzt auch besser erahnen, welche Herausforderungen uns in den kommenden Tagen noch erwarten würden.



    Hier geht's weiter auf dem Kungsleden  => Teil 2: Regen, Sumpf und nasse Füsse