Mittwoch, 2. August 2017

Regen, Sumpf und nasse Füsse (Lappland/Kungsleden 2/6)

[Dienstag, 18.7.2017; Abiskojaure - Unna Allakas; 24 km] Am zweiten Wandertag bewies Lappland, dass es noch nasser und noch sumpfiger sein konnte: Wir verliessen den Kungsleden und bogen in ein weniger begangenes Tal ab. Von Anfang an hatte sich der Weg - wo er nicht komplett unter Wasser stand - in einen tiefen Morast verwandelt. Es gab weniger Holzplanken als auf dem Kungsleden und diese waren oft schmaler und morscher - sofern sie nicht bereits komplett vom Sumpf verschluckt worden waren. Wir versuchten den ärgsten Matsch zu umgehen, indem wir uns durch das dichte Buschwerk kämpften - nicht immer erfolgreich. Zur Mittagszeit hatte sich der Sumpf auch in meinem rechten Schuh ausgebreitet.

Während des Tages veränderte sich allmählich die Landschaft: Der Birkenwald wurde lichter, die einzelnen Bäume kleiner und knorrig, bis sie schliesslich ganz aufhörten und einer baumlosen Tundra-Landschaft Platz machten, welche mit einzelnen Schneeflecken verziert war. Den ganzen Tag hatte der Regen nie richtig aufgehört und sobald wir den schützenden Wald hinter uns gelassen hatten, blies ein kühler Wind. Richtig kalt bekam ich aber erst, als wir in Sandalen mehrere Flüsse mit eiskaltem Wasser durchqueren mussten. Und die nassen Füsse zurück in die nassen Socken und Wanderschuhe zwängen, wärmte auch nicht wirklich.

Nach zehn Stunden erreichten wir endlich die Hütte Unna Allakas, welche idyllisch über einem kleinen See liegt, die schneebedeckten Berge im Hintergrund. An diesem Abend wurden aber selbst in der Sauna meine Füsse nicht mehr richtig warm.

[Mittwoch, 19.7.2017; Unna Allakas - Alesjaure; 17 km] Nach einer eher kühlen Nacht begann auch der Morgen kalt und windig. Handschuhe wären an diesem Tag gut gewesen, doch meine waren noch nass vom Vortag. Dafür waren meine Schuhe, die ich über den Holzofen gehängt hatte, über Nacht wieder einigermassen trocken geworden. Da die Etappe ohnehin mit den ersten nennenswerten Höhenmetern der Wanderung begann, bekam ich aber schnell warm. Es war auch weniger sumpfig als am Vortag, bzw. der Sumpf konzentrierte sich auf den Anfang und das Ende der Wanderung. Dazwischen überquerten wir eine ausgedehnte Hochebene, auf welcher noch Schnee lag. Es stellte sich heraus, dass es viel angenehmer war, auf Schnee zu gehen als durch Sumpf zu waten. Schnee lag auch am Ufer des Flusses, für dessen Überquerung wir wieder die Wanderschuhe ausziehen mussten - die Wassertemperatur war entsprechend. Neben den Schneefeldern behaupteten sich kleine Blumen und beim Aufstieg sahen wir Rentiere, die mit ihren Jungen über die karge Landschaft zogen.

Es regnete weniger an diesem Tag und zwischendurch konnten wir zum ersten Mal die schwedische Sonne sehen, die sich - obwohl sie eigentlich nie unterging - bisher immer hinter Wolken versteckt hatte. Beim Abstieg öffnete sich der Blick über eine langgezogene Seenlandschaft, an deren Ende die nächste Hütte lag, die uns mit einem Regenbogen begrüsste - ein gutes Vorzeichen für die nächsten Tage.

Alesjaure
Die Hütten des STF sind - im Gegensatz zu schweizerischen SAC-Hütten - Selbstversorger-Hütten. Eine Hütte (Stugan bzw. Stugorna) besteht in der Regel aus mehreren Gebäuden: Ein Hauptgebäude, mehrere Gästehäuser, eine Plumpsklo und ein Saunahäuschen. Ein Hüttenwart (Stugvärd) begrüsst die Gäste, weist die Betten zu und führt oft einen kleinen Laden mit einem beschränkten Angebot aus Haferflocken, Bier und Schokolade. Die Gästehütten erinnerten mich an Jugendherbergen, mit Etagenbetten und gut ausgestatteten Gemeinschaftsküchen, in denen man am Gasherd das mitgebrachte Essen zubereiten kann. Die Ausstattung - von den Duvetbezügen über die Tische und Stühle bis zum Geschirr - ist immer gleich und erregte bei mir den Verdacht, dass der STF ein Grosskunde bei IKEA ist.

Wasser holt man aus dem nahen Fluss oder See, abkochen ist nicht notwendig. Das Dreckwasser muss man zurück zu speziellen Senklöchern schleppen. Um sich an kühlen Tagen aufzuwärmen und die nassen Sachen zu trocknen, kann man in kleinen Öfen mit Birkenholz (das man zuerst spalten muss) Feuer machen. Das immer etwas abseits stehende Plumpsklo ist so anmächelig wie Plumpsklos eben sind. Die meisten Hütten haben zudem - und das war auf jeden Fall ein Highlight der Wanderung - eine Sauna. Darin kann man sich nicht nur aufwärmen, sondern die Saunaöfen produzieren auch heisses Wasser, mit welchem man sich nach den schweisstreibenden Wanderungen und vor dem Saunagang ausgiebig waschen kann.


Hier geht's weiter auf dem Kungsleden => Teil 3: Rentiere, Elche und viel Sonne




Sonntag, 30. Juli 2017

Anreisechaos und erste Schritte (Lappland/Kungsleden 1/6)

Als Fjäll bezeichnet man das Gebirge und die Berge nördlich der Waldgrenze in Lappland. In dieser - sehr abgeschiedenen - Region jenseits von Polarkreis und Handyempfang kämpfte ich mich elf Tage lang durch Sumpf und Mücken und war jeden Tag aufs Neue beeindruckt von der weiten, ursprünglichen Landschaft und der vielfältigen Pflanzenwelt, die dieser kargen Umwelt trotzt.

Die Wanderung wurde organisiert von WeitWandern; Wanderleiterin Steffi navigierte unsere kleine, sehr bunte Gruppe kompetent und mit ausnehmender Gelassenheit durch das unwegsame Gelände. Dabei folgten wir - mehr oder weniger - dem schwedischen Fernwanderwege Kungsleden.

[Samstag/Sonntag, 15./16.7.2017; Stockholm - Abisko; 1'300 km] Schweden ist sehr weitläufig - zu dieser Erkenntnis kam ich nicht erst beim Wandern, sondern bereits auf der langen Anreise von Stockholm nach Abisko, dem Ausgangspunkt der Wanderung, welcher rund 200 km nördlich des Polarkreises liegt. In der Theorie gibt es zwischen Stockholm und Abisko einen direkten Nachtzug, in der Praxis hatten wir offenbar das einzige Wochenende des Jahres erwischt, an welchem der Zug nicht bis Abisko durchfuhr. Die Gründe dafür blieben bis zum Schluss unklar: Der Zugsbegleiter sprach von einem entgleisten Zug, am Bahnhof war etwas von Unterhaltsarbeiten angeschrieben, während Steffi uns versicherte, dass der Ausfall schon vor Monaten im Fahrplan angemerkt gewesen war. Entsprechend verfügten wir über keine Reservation für den angeblich vorhandenen Bahnersatzbus, sondern mussten uns ab Luleå in den normalen Linienbus zwängen. Damit ging es uns aber immer noch besser als einer 20-köpfigen Gruppe junger Franzosen, für die es im Bus überhaupt keinen Platz mehr gab.

Über sechs Stunden dauerte die Busfahrt durch die endlos scheinenden schwedischen Wälder insgesamt. In Kiruna mussten wir umsteigen und hier brach das Buschaos schliesslich endgültig aus: Es gab einen schwedischen Bus nach Abisko und einen norwegischen nach Narvik. Nachdem im schwedischen alle Sitzplätze vergeben waren, wollte dessen Chauffeur keine weiteren Passagier mehr mitnehmen. Der norwegische Buschauffeur - sein Bus war auch bereits überfüllt - wollte unsere Tickets nicht akzeptieren. Beide machten widersprüchliche Angaben, wo sie denn eigentlich hinfahren würden.

Am Schluss kapitulierten beide Chauffeure vor der drängelnden, ungeduldigen Menschenmenge und warfen sämtliche Vorgaben betreffend stehende Passagiere, Tickets und Reiseziele über den Haufen. So kamen wir am späteren Nachmittag doch noch in Abisko an. Tief hängende Wolken verdeckten den Blick auf die umliegenden Berggipfel - nicht aber auf die Schneereste, die noch weit ins Tal hinunter reichten.

Abiskojåkka
[Montag, 17.7.2017; Abisko - Abiskojaure; 16 km] Der Regen der letzten Tage hatte Bäche und Flüsse anschwellen lassen, so dass wir kurzfristig unsere geplante Route anpassen mussten. Anstatt mit einem Abstecher in ein Seitental zu beginnen, starteten wir unser Wanderabenteuer mit der ersten Etappe des Kungsleden, welche den Abisko-Nationalpark durchquert. Der Weg führte durch einen ausgedehnten Birkenwald, immer dem Fluss entlang. Der Waldboden war überwuchert von Moosen und Sumpfpflanzen - ein deutliches Zeichen, dass es hier nicht nur bei Regen so nass war. Oft führten schmale Holzbretter über Bäche und über die sumpfigsten Stellen, doch das Wasser stand teilweise so hoch, dass es selbst diese Planken überflutet hatte, was deren Überquerung zu einem rutschigen Balanceakt machte.

Den ganzen Tag über nieselte es zudem leicht, doch wir erreichten die schützende, geheizte Hütte bevor der Regen noch stärker wurde. Die Hütten des Schwedischen Tourismusvereins (STF), in denen wir jeweils übernachteten, haben weder Strom noch fliessend Wasser - dafür in der Regel eine Sauna. Dort konnten wir uns wieder aufwärmen. Ein Luxus, den ich an diesem und an den kommenden Tagen zu schätzen lernte.

Ich war froh, den ersten Wandertag erfolgreich hinter mir zu haben, doch ich konnte jetzt auch besser erahnen, welche Herausforderungen uns in den kommenden Tagen noch erwarten würden.



Hier geht's weiter auf dem Kungsleden  => Teil 2: Regen, Sumpf und nasse Füsse










Sonntag, 2. Juli 2017

Noch mehr Höhenmeter, noch mehr Regen (4. Etappe Via Alpina)

Ich hatte bereits am letzten Wochenende ausgiebig die Gelegenheit gehabt, meine Regenausrüstung zu testen und eigentlich keine Veranlassung, den Test zu wiederholen. Leider sah die Wetterprognose danach aus, als würde ich das Ganze zu einer umfassenden Testreihe ausbauen können.

Die Wolken hingen noch tiefer über Elm als vor einer Woche und wieder war nichts vom Martinsloch zu sehen, als wir uns aufmachten, weiter der Via Alpina zu folgen. Unmittelbar nachdem wir das kleine Dörfchen durchquert hatten, führte der Weg den Wald hoch. Wir durchquerten ein paar hölzerne Lawinenverbauungen und fanden kurz danach eine praktische Trockenmauer, um es uns für eine Pause gemütlich zu machen. Doch kaum hatten wir uns hingesetzt, setzte der Regen ein. Als wir uns wetterfest machten, zeigte sich, dass nicht nur ich regen-technisch aufgerüstet hatte.

Elm
Glücklicherweise erreichten wir mitten im grössten Wolkenbruch des Tages die Bergstation der Ämpächli-Gondelbahn, wo wir im Restaurant einen Kaffeehalt einlegten. Im Lokal hatten gerade die Nashville Rebels einen Live-Auftritt und den vielen Leuten nach, scheinen die durchaus einen gewissen Bekanntheitsgrad zu haben. Wir setzten trotzdem unseren Weg durch den Regen fort. Wir hatten den grössten Teil der Höhenmeter bereits hinter uns gebracht und der Rest der Strecke verlief in einem angenehmen Auf und Ab hoch über dem Tal.

Eigentlich war der Plan gewesen, in der Skihütte Obererbs zu übernachten, doch deren Umbaupläne hatten einen Strich durch unsere Übernachtungspläne gemacht. Nachdem das Wetter zudem einen weiteren Strich durch unseren Ersatzplan - von Obererbs über die Via Suworow zurück nach Elm zu wandern - gemacht hatte, waren wir bereits bei Plan C angelangt: Bequem und trocken mit dem Bus zurück nach Elm fahren, wo wir im Hotel Segnes komfortabel untergebracht waren.

Am nächsten Morgen hingen die Wolken noch etwas tiefer über Elm. Die Busfahrerin, die uns nach Obererbs hoch bringen sollte, war leicht überfordert, einerseits ob der unerwartet grossen Anzahl an dem Wetter trotzenden Wanderern, andererseits ob den modernen Online-Tickets. Wir verliessen Elm, ohne dessen zwei bekannteste Sehenswürdigkeit gesehen zu haben: Das Martinsloch und Vreni Schneider.

Blick zurück zum Richetlipass
Die Gastwirtin der Skihütte Obererbs sah uns schon fast mitleidig nach, als wir an ihr vorbei durch den Nieselregen dem Richetlipass entgegen stampften. Der Weg, bzw. der Bach, in den sich der Weg verwandelt hatte, führte durch sattgrüne Wiesen, in denen die Blumen ihre Köpfe im Regen hängen liessen. Dahinter verschwand die Landschaft im Weiss der Wolken. Nach einem ersten Aufstieg erreichten wir die Wichlenmatt, eine kleine Hochebene übersät von grossen Felsbrocken und durchzogen von kleinen Bächen. Bei schönem Wetter sicher ein toller Ort für eine ausgiebige Pause, wir beschränkten uns auf einen kurzen Stopp unter dem tropfenden Vordach einer kleinen Alp. Nach einem letzten steilen Wegstück standen wir schliesslich auf dem Richetlipass (2'260 m), wo sogar noch ein letztes Stück Schnee lag. Da weder die Aussicht (Wolken nach allen Seiten), noch der kalte Wind zum Verweilen einluden, machten wir uns direkt an den langen Abstieg.

Der erste Teil führte über einen Wiesengrat, auf welchem die Blumen kniehoch standen. Als wir schliesslich ins Durnachtal einbogen, konnte man dessen Schönheit zwischen den Nebelfetzen hindurch nur erahnen. Bei Längstafel wurden wir von der Älplerin der Alp Vorderdurnachtal mit heissem Kaffee und Tee versorgt und wir waren uns alle einig: Trotz Wetter und Wolken, es war eine schöne Wanderung!

Das letzte - steile - Stück führte dann schliesslich durch eine kleine, moosbewachsene Schlucht und die dichten Baumkronen hatten den Vorteil, dass sie Schutz vor dem Regen boten. Als wir in Linthal ankamen, konnte ich mir über eines sicher sein: Meine Regenausrüstung ist für meinen Lappland-Urlaub bereit!



Wanderinfos:

  • Gewandert: Samstag/ Sonntag, 1./2. Juli 2017
  • Route: Elm - Gütli - Empächli - Hengstboden - Obererbs (Samstag); Obererbs - Fruchtplanggen - Wichlenmatt - Richetlipass - Ober Stäfeli - Längstafel - Linthal (Sonntag) (4. Etappe der Via Alpina/nationale Route Nr. 1)
  • Unsere Wanderzeit: 3 h 15 min (Samstag); 5 h 10 min (Sonntag)
  • Distanz: 10,7 km (Samstag); 14 km (Sonntag)
  • Höhenmeter (Aufstieg): 890 m (Samstag); 730 m (Sonntag)
  • Übernachten: Gasthaus Segnes, Elm
  • Weitere Etappen der Via Alpina finden sich hier





Sonntag, 25. Juni 2017

Feuchtigkeitsprobleme am Foopass (2. + 3. Etappe Via Alpina)

Da in den Bergen der Schnee endlich geschmolzen war, konnten wir die nächsten Etappen der Via Alpina unter die Füsse nehmen. Und die Hitze der letzten Tage hatte nicht nur die Alpenpässe passierbar gemacht, sondern bescherte uns - zumindest für die erste Hälfte des Wochenendes - tropische Verhältnisse. Der Himmel war zwar bedeckt, als wir am Samstag in Sargans starteten, doch die hohe Luftfeuchtigkeit machte uns zu schaffen, kaum hatten wir den Aufstieg ins Weissentannental erreicht, so dass wir im Laufe des Tages noch mehrmals froh waren, dass die Sonne nicht auch noch auf uns herunter brannte.

Wir begannen das Wochenende gemütlich und nahmen uns viel Zeit für Pausen und Abstecher ins lokale Gastgewerbe. Landschaftlich ist das Weisstannental - eingeklemmt zwischen steilen Felswänden, über welche kleine und grosse Wasserfälle stürzen - sehr grün und bewaldet, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich auch nur eine einzige Weisstanne gesehen habe. Am späteren Nachmittag erreichten wir bereits die Alp Siez, wo wir sehr freundlich empfangen und bewirtet wurden. Nach dem Abendessen sassen wir noch lange draussen und genossen den warmen Abend und die lustige Gesellschaft.

Am nächsten Morgen war der Himmel immer noch bedeckt, doch im Gegensatz zum Vortag fiel aus den Wolken Regen und die Temperaturen waren spürbar gesunken. Gesunken war damit auch bei einigen Mitwanderern die Motivation, zum Foopass hochzusteigen. Nur gerade etwas mehr als die Hälfte unserer Wandergruppe liess sich vom Wetter nicht beeindrucken und machte sich auf den Weg in Richtung der tief hängenden Wolken am Ende des Tals.

Für mich war es eine gute Gelegenheit, meine neuen Regenhosen zu testen und dafür boten sich ideale Bedingungen: Kaum hatten wir den ersten grösseren Anstieg erreicht, setzte der Regen ein und verwandelte den steilen Bergweg in ein Schlammbett. Zudem mussten unzählige Bäche und Rinnsale überquert werden, so dass jeder bis am Ende des Tages herausfand, ob seine Schuhe wasserdicht waren oder nicht. Doch trotz - oder gerade wegen - des Regens erschien uns die einsame Landschaft wunderschön.

Kurz unterhalb des Foopasses erbettelten wir bei einer Alp Kaffee und Tee als Stärkung für die letzten paar Höhenmeter bis zur Passhöhe. Dieser letzte Abschnitt führte durch ausgedehnte Felder von blühenden Alpenrosen. Auf dem Foopass selber (2'223 m) regnete es zwar nicht mehr, trotzdem verweilten wir dort nur ein paar Augenblicke, zu ungemütlich bliess der Wind über den ausgesetzten Grat.

Während des langen Abstiegs öffneten sich immer mehr blaue Löcher in der Wolkendecke und je tiefer wir kamen, desto tropischer wurden wieder die Verhältnisse. Das Tosen von Wasserfällen und das Bimmeln von Kuhglocken war die begleitende Geräuschkulisse, während wir entlang von breiten Waldwegen immer tiefer ins Tal hinab stiegen, bis wir schliesslich Elm erreichten. Leider sahen wir weder das Martinsloch noch Vreni Schneider (aber wenigstens der nach Letzterer benannte Weg), während wir auf den Bus warteten. Bereits nächste Woche werden wir dafür aber nochmals eine Chance bekommen.



Wanderinfos:

  • Gewandert: Samstag/Sonntag, 24./25. Juni 2017
  • Route: Sargans - Mels - Schwendi - Weisstannen - Vorsiez/Alp Siez (Samstag); Vorsiez - Untersäss - Enggi - Foopass - Raminer Matt - Mittelstaffel - Elm (Sonntag) (Etappen 2 und 3 der Via Alpina/nationale Route Nr. 1)
  • Unsere Wanderzeit: 4 h 30 min (Samstag); 5 h 30 min (Sonntag)
  • Distanz: 17 km (Samstag); 17,8 km (Sonntag)
  • Höhenmeter (Aufstieg): 1'020 m (Samstag); 1'170 (Sonntag)
  • Übernachten: Alp Siez, Vorsiez
  • Weitere Etappen Via Alpina finden sich hier


Montag, 19. Juni 2017

Am Rande des Abgrunds

Suonen sind historische Wasserleitungen im Wallis, die - bis heute - das Schmelzwasser der Gletscher von den Bergen auf die Felder in den Tälern bringen. Eine Wanderung entlang solcher Suonen stand schon länger auf meiner Wunschliste und als Bergstrolch Michael eine Tour organisierte, die vier verschiedene Suonen miteinander verband, konnte ich trotz des langen Anfahrtswegs nicht widerstehen. So viel vorweg: Auf der langen Rückfahrt nach Zürich am Ende dieses Wandertages bereute ich den Abstecher ins Wallis in keiner Weise.

Vom Ausgangspunkt in Birgisch war es nur ein kurzer Aufstieg bis zur ersten Suone Obersta. Fast immer entlang der Höhenlinie folgten wir ihr ins Gredetschtal hinein. Die Grundanordnung war bei der Obersta - wie bei allen Suonen an diesem Tag - immer die Gleiche: Zuerst kam die (senkrechte) Felswand, dann die (schmale) Wasserrinne, dann der (schmale) Weg und schliesslich der (senkrechte) Abgrund. Zu sagen, dass die Strecke abwechslungsreich war, wäre eine Untertreibung: Die Weg führte entlang von überhängenden Felsen, durch niedrige Tunnel, die man nur gebückt passieren konnte, über schmale Holzplanken und entlang von kleineren und grösseren Wasserfällen.

Am Ende der Obersta erwartete uns eine grosse Herde Esel und wir wunderten uns, wie man Esel landwirtschaftlich nutzt (Eselmilch?). Wir folgten noch eine Weile dem Mundbach weiter ins Gredetschtal hinein, bis wir auf der gegenüberliegenden Talseite zur Suone Wyssa hochstiegen  und ihr wieder talauswärts folgten.

Der Pfad der Wyssa entlang war noch etwas abwechslungsreicher (sprich: ausgesetzter) und oft nicht viel mehr als ein schmaler Absatz zwischen Suone und Abgrund. Suonenwanderungen  ist eindeutig nur etwas für schwindelfreie und trittsichere Wanderer - ein falscher Schritt kann direkt im Abgrund enden!

Oberhalb von Mund bogen wir wieder ins Walliser Haupttal ein. Michael führte uns abseits des offiziellen Wanderweges über Schleichwege quer durch blühende Magerwiesen immer möglichst direkt der Suone entlang. Unzählige Schmetterlinge flatterten um unsere Köpfe. Wir durchquerten ein paar kleine Weiler mit typischen Walliser Holzhäusern, bevor wir die Suone Gorperi erreichten, die aus dem Baltschiedertal herausfliesst.

Bis auf eine Schlüsselstelle war der Weg der Gorperi entlang eigentlich nicht besonders herausfordernd, doch diese eine Stelle hatte es in sich: Suone und Weg führten aussen an einer senkrechten Felswand entlang, wobei der "Weg" aus einem schmalen Holzbrett bestand, welches auf beiden Seiten freie Sicht in den Abgrund hinunter zuliess. Ich habe leider kein Foto davon, weil ich zu beschäftigt war, mein Gleichgewicht zu halten - und mich krampfhaft selber daran zu erinnern, dass ich keine Höhenangst habe.

Kurz vor Ze Stenu wechselten wir wieder die Talseite und stiegen hoch zur Niwärch, der letzten Suone für diesen Tag. Der Weg war hier teilweise sehr abschüssig und führte durch lockere Geröllfelder. Beim Weiler Niwärch verliessen wir schliesslich die gleichnamige Suone und stiegen auf direktem Weg nach Ausserberg ab. Von da aus ging es über die alte Lötschbergstrecke zurück in die "Üsserschwiiz".




Wanderinfos:
  • Gewandert: Samstag, 18. Juni 2017
  • Route: Birgisch, Parkplatz - Oberbirgisch - Suone Obersta - Suone Wyssa - Egga - Bodma - Brich - Brand - Suone Gorperi - Ze Steinu - Suone Niwärch - Niwärch - Ausserberg
  • Unsere Wanderzeit: 6 h 30 min
  • Distanz: 23,7 km
  • Höhenmeter (Aufstieg): 790 m





Sonntag, 11. Juni 2017

Stairway to Heaven

Nachdem ich mich schon bei den letzten beiden Wanderungen jeweils mehr als tausend Höhenmeter hochgequält hatte, gab es eigentlich keinen Grund, damit aufzuhören. Entsprechend schloss ich mich Thomas an, der kurzfristig eine Wanderung auf den mir bisher unbekannten Niederbauen Chulm organisierte.

Der Tag fing ganz idyllisch an, nämlich mit einer kurzen Bootsfahrt von Brunnen zum Rütli. Ab dem Moment, als wir wieder das Ufer betraten, ging es dann aber für die nächsten dreieinhalb Stunden nur aufwärts: Zunächst auf einem breiten Zickzackweg durch den Wald, bis wir die Terrasse erreichten, auf welcher Seelisberg liegt. Von da hatte man auch erstmals Sicht auf unser Ziel, doch der Gipfel des Niederbauen versteckte sich noch hinter den Wolken. Vorbei am Seelisberg-Seeli und an der Seilbahn, die uns gute 400 Höhenmeter erspart hätte, stiegen wir weiter den Hang hoch. Die kurze Pause beim Alprestaurant Weid, um etwas Kühles zu trinken und die Sicht auf den Urnersee und das Reusstal zu geniessen, hatten wir uns in dem Zeitpunkt bereits mehr als verdient. 

Ein Blick hoch zum Niederbauen Chulm, von welchem sich die Wolken unterdessen verzogen hatten, zeigte nur senkrechte Felswände und ich fragte mich, wie ich da überhaupt hochkommen sollte. Ab Weid war der Weg denn auch weiss/blau markiert und führte ausgesetzt der Felswand entlang. An ein paar Stellen musste man die Hände zu Hilfe nehmen, um hochzukraxeln, und die schmalsten Stellen waren mit einem Stahlseil gesichert. Wir passierten eine Steinbock-Geiss, die nur wenige Meter von uns entfernt in einer steilen Grasnarbe stand und sich von uns beim Grasen nicht stören liess. Der Höhepunkt des Weges war eine Treppe, die durch einen Felsstollen führt, direkt dem blauen Himmel entgegen!

Aufstieg zum Niederbauen
Nach dem Stollen folgte ein letzter steiler Anstieg, bevor wir den Grat erreichten, von wo aus es nur noch ein kurzer Schlenker zum Niederbauen Chulm (1'923 m) war. Ich bin schon auf ein paar Gipfeln in der Innerschweiz gestanden, einen so umfassenden Ausblick auf den Urner- und den Rest des Vierwaldstättersees hatte ich noch nie!

Da Thomas die Wanderung als Überschreitung von See zu See geplant hatte, liessen wir auch beim Abstieg die Seilbahn, die uns direkt hinunter nach Emmetten gebracht hätte, links liegen. Am Anfang führte der Weg hinunter auch sehr schön über blumenübersäte Wiesen und Waldlichtungen, doch bald wünschte ich - und meine Knie -, dass wir endlich unten ankommen würden. Eine kleine Verschnaufpause gab es in Emmetten, wo wir uns im lokalen Volg mit Getränken und Glace eindeckten. Doch das streng getaktete Pausenmanagement von Thomas sorgte dafür, dass wir beim Glaceessen - wie bereits bei der Mittagspause auf dem Gipfel -nicht zu sehr ins Trödeln kamen.

Vierwaldstättersee beim Abstieg
Die letzten Höhenmeter von Emmetten hinunter an den See führten über zahlreiche Treppenstufen und meine Knie protestierten endgültig. Dafür erreichten wir Beckenried gerade rechtzeitig, um diesen Wandertag gleich zu beschliessen, wie wir ihn angefangen hatten: Mit einer Schifffahrt.

Auf der Rückfahrt über den Vierwaldstättersee nach Luzern waren wir uns alle einig: Es war eine tolle Wanderung gewesen, für die sich die Anstrengung beim Auf- und Abstieg gelohnt hatte. Und wer die Aussicht vom Niederbauen mit weniger Höhenmeter geniessen will: Mit den diversen Bahnen liesse sich die Anstrengung minimieren.







Wanderinfos:

  • Gewandert: Samstag, 10. Juni 2017
  • Route: Rütli - Seelisberg Oberdorf - Weid - Niederbauen Chulm - Frutt - Sagendorf - Emmetten - Beckenried
  • Unsere Wanderzeit: 6 h 15 min
  • Distanz: 20,3 km
  • Höhenmeter (Aufstieg): 1'620 m


Samstag, 3. Juni 2017

Der Alvier und das Schneefeld

Blick zurück zum Alvier
Unter meinen Wanderkollegen kursiert seit längerem eine Geschichte über eine Schlechtwetterwanderung auf den Alvier, bei welcher ein Schneefeld überquert werden musste. Je nach Erzähler - der meistens auf der betreffenden Wanderung gar nicht dabei gewesen war - war die Überquerung entweder völlig problemlos oder völlig leichtsinnig gewesen. Ich war auf dieser Wanderung nicht dabei gewesen, dank der Geschichte stand aber der Alvier auf meiner Gipfelwunschliste.

An diesem Pfingstsamstag bot sich endlich die Gelegenheit diesen Wunsch in Wirklichkeit umzusetzen, und als ich kurz vor Sargans vom Zug aus nach oben schaute, war klar, dass wir auch auf das eine oder andere Schneefeld treffen würden. Für die ersten 1'200 Höhenmeter nahmen wir die Seilbahn Palfries und dank Nicole, welche für uns Plätze reserviert hatte, konnten wir die kleine Schlange, die sich an der Talstation gebildet hatte, einfach überholen.

Von Palfries aus wanderten wir zunächst den senkrechten Felswänden der Alvierkette entlang, bis schliesslich der Weg direkt den Hang hinauf führte, welcher mit jedem Höhenmeter steiler zu werden schien, und schliesslich im "Chemmi" in eine Leiter mündete. Nach dem Chemmi erreichten wir den Grat und damit auch das berühmt-berüchtigte Schneefeld, welches mich aber etwas enttäuschte: Nicht nur war es nicht wirklich abschüssig, wir mussten es gar nicht überqueren, denn der markierte Weg führte aussen herum. Dafür gab es weitere steile 200 Höhenmeter, welche wir hochkraxeln mussten, bis wir endlich auf dem Gipfel des Alviers (2'343 m) standen.

Alvierhütte im Schnee
Die Alvierhütte direkt unter dem Gipfel war nicht nur geschlossen, sondern auch noch halb mit Schnee bedeckt. Auf das Gipfelbier mussten wir also verzichten - was angesichts des steilen Abstiegs, der uns noch bevorstand, vermutlich sogar besser war. Trotzdem machten wir natürlich eine ausgiebige Pause und genossen den Blick auf das Bergpanorama um uns herum und die Sicht auf die ganze Länge des Walensees, der tief unter uns lag.

Mit dem Gipfel war die Wanderung aber eben noch nicht zu Ende: Wir stiegen über die Rückseite des Alviers ab und hier gab es noch mehr als genügend Schneefelder: Die meisten konnte man gut umgehen, aber ich kam doch noch zu meiner Schneefeldüberquerung. Ein Blick zurück zum Alvier zeigte jeweils eindrucksvoll die Höhenmeter, welche wir mit dem Abstieg vernichteten.

Als wir uns der Alp Stofel näherten, entdeckten wir eine Fahne, die im Wind flatterte, und in uns keimte nochmals die Hoffnung auf ein kühles Bier auf - leider vergebens. Ebenfalls die Hoffnung, dass es nach Stofel mehr oder weniger flach um den Gauschla herum zurück nach Palfries gehen würde, wurde durch einen erneuten steilen Zwischenaufstieg - in der Mittagshitze und ohne jegliche kühlende Schneefelder - zerstört.

Blick ins Rheintal
Dafür führte der Weg plötzlich wieder hinunter und schlängelte sich ausgesetzt direkt der vertikalen Felswand des Gauschla entlang. Teilweise war der steile Abstieg mit Stahlseilen gesichert, doch der ausgesetzte Weg benötigte mehr Trittsicherheit als jedes passierte Schneefeld. Es war aber auch der schönste und abwechslungsreichste Teil der Wanderung und bot uns einen spektakulären Blick ins Rheintal hinunter.

Als wir beim nächsten Aufstieg bunte Schirme durch die Bäume blitzen sahen, dachte ich schon an eine optische Täuschung. Doch tatsächlich erreichten wir das Skihaus Gauschla, welches geöffnet hatte und wo wir von einem netten Hüttenwart mit kühlen Getränken versorgt wurden. Wir wären gerne noch länger sitzengeblieben, doch wir mussten die Seilbahn erwischen und so brachten wir auch noch die letzten Höhenmeter zurück nach Palfries hinter uns.





Wanderinfos:

  • Gewandert: Samstag, 3. Juni 2017
  • Route: Palfries - Chemmi - Alvier - Barbieler Grat - Stofel - Vormsweg - Alp Labria - Palfries
  • Unsere Wanderzeit: 4 h 50 min
  • Distanz: 12,4 km
  • Höhenmeter (Aufstieg): 1'080 m







Freitag, 26. Mai 2017

Drei Gipfel zum Sommeranfang

Blick zurück zum Leistchamm
Das lange Auffahrtswochenende brachte die ersten richtigen Sommertage des Jahres und damit ideale Verhältnisse für eine grössere Wanderung. Clemens hatte eine herausfordernde Tour oberhalb von Amden zusammengestellt, der ich mich gerne anschloss.

Wir starteten in Arvenbüel und die Wanderung begann mit einem harmlosen Aufstieg über Wiesen und offene Wälder. Dass der Aufstieg nicht so harmlos bleiben würde, zeigte sich spätestens am Fusse des Leistchamms, unserem ersten Zwischenziel. Gut 400 Höhenmeter auf knapp 1,3 Kilometer waren bis zu seinem Gipfel noch zu überwinden. Dass der Weg sich - wo er nicht mehr schneebedeckt war - in glitschigen Morast verwandelt hatte, der das Profil meiner Bergschuhe im Nu auffüllte, machte den Aufstieg auch nicht einfacher. Meine Lungen verlangten nach mehr Luft und meine Füsse nach mehr Grip, während ich meinen Mitwanderern nachstieg. Als Entschädigung für den anstrengenden Aufstieg gönnten wir uns auf dem Leistchamm (2'100 m) eine ausgiebige Pause. Wir waren die einzigen Wanderer, die den Gipfel um diese Zeit schon erreicht hatten und ausser einem Segelflieger, der leise surrend Kreise um uns herum zog, waren wir alleine, so dass wir die Rundumsicht ungestört geniessen konnten.

Während der Aufstieg vor allem mühsam gewesen war, stellte sich der Abstieg über den gleichen matschigen, steilen Weg als eine sehr rutschige Angelegenheit heraus. Am besten liess sich die Rutschpartie noch kontrollieren, wenn man direkt in den Schneefeldern hinunter glitt. Trotzdem landete ich zweimal auf meinem Allerwertesten.

Leistchamm-Grat
Nachdem wir den Leistchamm ohne bleibende Schäden hinter uns gebracht hatten, bildete der nächste Gipfel keine wirkliche Herausforderung: Der Flügespitz (1'701 m) war kaum mehr als eine Unebenheit im Weg. Dafür bot er einen schönen Blick zurück auf den Leistchamm, dessen steile Flanke mit den hellen Felsen und Schneeresten in der Sonne glänzte.

Wir erreichten schliesslich die Vorder Höhi und es wäre eigentlich Zeit für ein kühles Bier gewesen, doch das Beizli auf der Vorder Höhi hatte geschlossen. Also blieb uns nichts anderes übrig, als den letzten Gipfel des Tages in Angriff zu nehmen. Von weitem hatte der Gulmen nicht besonders hoch ausgesehen und der breite Weg bot auch keine technischen Schwierigkeiten, doch schliesslich zog sich der Aufstieg länger hin als ich gedacht hatte. Auf dem Gipfel des Gulmen (1'788 m) machten wir die letzte Pause, bevor wir uns an den Abstieg zurück nach Arvenbüel machte.

Clemens hatte für den Rückweg eine Route entlang des Beerenbach ausgesucht und der abwechslungsreiche Weg durch die kleine Schlucht bildete einen schönen Abschluss für diesen gelungenen Sommertag.




Wanderinfos:

  • Gewandert: Freitag, 26. Mai 2017
  • Route: Arvenbüel - Looch - Leistchamm - Flügespitz - Vorder Höhi - Gulme - Hüttlisboden - Schwisole - Schwaderloch - Arvenbüel
  • Unsere Wanderzeit: 5 h 15 min
  • Distanz: 16 km
  • Höhenmeter (Aufstieg): 1'200 m