Sonntag, 25. September 2016

Endspurt auf den Gotthard (15. + 16. Etappe Zürich - Gotthard)

Wie die Zeit vergeht! Bereits standen die beiden letzten Etappen von unserem diesjährigen Wanderprojekt Zürich - Gotthard auf dem Programm. Und wer immer für das Wetter verantwortlich war, er unterstützte unser Finale nach besten Kräften und bescherte uns ein Wochenende mit viel Sonne und blauem Himmel.

Wir starteten auf dem Oberalppass und stiegen Richtung Tomasee auf. Unsere Route an beiden Tagen verlief gleich wie Etappen 1 und 2 des Vier-Quellen-Wegs (Regionale Route Nr. 49). Der Tomasee stellte sich als ein zweifellos hübscher, wenn auch als ein eher unspektakulärer Bergsee heraus. Wenn man aber wusste, dass hier der Rhein entspringt, bekam der Besuch dieses kleinen blauen Tümpels eine ganz andere Bedeutung.

Ein heftiger Wind hielt uns davon ab, die Mittagspause direkt am See zu machen. Wir holten sie an einer windgeschützten Stelle beim Abstieg nach und nahmen für den anschliessenden Kaffee einen Extraaufstieg zur Maighelshütte in Kauf. So gestärkt wanderten wir das Val Maighels hoch, welches mich wegen der spärlichen Vegetation und den zahlreichen Wasserläufen an die Greina erinnerte.

Ein kurzer Anstieg brachte uns über den Pass Maighels. Direkt hinter der Passhöhe erreichten wir einen kleinen See, welcher gemäss Karte keinen Namen hat, aber eindeutig einen verdienen würde, denn sein Ufer lud zum Verweilen ein. Wir legten uns in die Sonne und beobachteten den Steinbock, der sich für sein Sonnenbad den höchsten Gipfel der Gegend ausgesucht hatte und auf uns herunter schaute.

Vom See zu Vermigelhütte, wo wir die Nacht verbrachten, war es nicht mehr weit. Spätestens beim Bier auf der Terrasse war klar, dass der Sommer vorbei war, denn es wurde schnell empfindlich kühl. Also liessen wir uns drinnen vom sehr freundlichen Hüttenteam bewirten.

Am Sonntag nahmen wir die letzte Etappe unseres Wanderprojekts unter die Füsse und diese begann mit einem stetigen, aber zunächst relativ sanften Aufstieg. Doch kaum hatte Nicole bemerkt, dass es sich um eine sehr angenehme Steigung handeln würde, wurde diese immer giftiger. Das Gras verschwand und machte einer grauen Steinwüste Platz, unterbrochen nur durch teilweise riesige quarzhaltige Felsen und Steine. Trotz - oder gerade wegen - der kargen Landschaft war es aber eine enorm schöne Wanderung. Über ein lockeres Geröllfeld erreichten wir schliesslich den Sellapass und konnten einen ersten Blick Richtung Süden werfen. Vom Pass waren es nur noch ein paar (Höhen-)Meter bis zum Piz Giübin, welcher mit 2'776 m der höchste Punkt unserer gesamten Wanderung markierte.

Vom Gipfel hatten wir bei einem tief blauen, wolkenlosen Himmel eine 360°-Sicht auf hunderte von Bergen - und ich erkannte keinen einzigen von ihnen. Claude hatte zwei Flaschen Gipfelwein besorgt und so konnten wir nicht nur auf die Besteigung des Piz Giübins, sondern auf die ganze Wanderung, welche im März bei trübem Wetter in Zürich begonnen hatte, anstossen.

Danach stiegen wir Richtung Sellasee ins Tal hinab. Am Ufer dieses Stausees machten wir die letzte Pause und genossen nochmals das schöne Wetter. Von dort war es dann nicht mehr weit bis zum Ziel: Nach 16 Etappen, 215 km, 67 h Wanderzeit, 13'618 m Aufstieg, nach Wanderungen durch Regen und Schnee, Sonnenschein und Nebel, nach Übernachtungen in Hotels, Hütten und Massenlagern, nach kurzen Nächten, langen Wandertagen und vielen schönen Begegnungen mit neuen und alten Mitwanderern, erreichten wir schliesslich den Gotthardpass!



Wanderinfos:

  • Gewandert: Samstag/Sonntag, 24./25. September 2016
  • Route: Oberalppass - Tomasee - Val Maighels - Pass Maighels - Vermigelhütte SAC (Samstag); Vermigelhütte SAC - Sellapass - Piz Giübin - Sellasee - Gotthardpass (Sonntag)
  • Unsere Wanderzeit: 4 h 30 min (Samstag); 4 h 15 min (Sonntag)
  • Distanz: 13 km (Samstag); 12,7 km (Sonntag)
  • Höhenmeter (Aufstieg): 730 m (Samstag); 860 (Sonntag)
  • Übernachten: Vermigelhütte SAC
  • Weitere Etappen des Höhenwegs Zürich - Gotthard finden sich hier




Samstag, 17. September 2016

Kein Kreuz auf dem Stöcklichrüz

Die Wetterprognosen für das Wochenende sahen durchzogen aus und ich überlegte mir schon, eine Wanderpause einzulegen, doch nachdem ich am Freitagabend ein grosses Cordon Bleu verdrückt hatte, mussten diese Kalorien auch wieder verbrannt werden. Ich hatte über das ganze Jahr verteilt einzelne Etappen des Alpenpanoramawegs gemacht und es bot sich an, dort einige Lücken zu schliessen. Im Januar waren wir im Schnee von Weesen nach Siebnen gelaufen und ich entschloss mich, dort anzuknüpfen, zumal damit zur Abwechslung die Anfahrt zum Startpunkt nur kurz war.

Am Anfang führte der Weg in einem etwas seltsamen Zickzack durch Einfamilienhausquartiere und vorbei an sehr gepflegten Vorgärten. Dabei stellte ich fest, dass es in der Innerschweiz offenbar grosse Mode ist, seinen Garten mit Zwergen oder anderen - mehr oder weniger modernen - Figuren und Kunstwerken zu schmücken. Etwas mühsam war, dass die Strecke vornehmlich über asphaltierte Wege führte. Erst als schliesslich der Weg begann, steil anzusteigen, waren die Teerstrassen zu Ende. Mit jedem Höhenmeter wurde auch die Aussicht besser. Zwar verdeckten die tiefliegenden Wolken die Sicht auf die Alpen, doch der Blick auf den Zürichsee, insbesondere auf den Untersee und den Seedamm, entschädigte dafür.

Das erste und das letzte Drittel dieser Etappe des Alpenpanoramawegs verlaufen gleich wie der Jakobsweg (nationale Route Nr. 4). Letzterer macht aber noch eine zusätzliche Kurve, vermutlich um ja keine Kapelle oder Kirche auszulassen. Doch auch auf meiner Strecke war durch die zahlreichen Weg- und Gipfelkreuze nicht zu übersehen, dass ich mich im katholischen Kanton Schwyz und im Einzugsbereich eines der grössten Klöster der Schweiz befand.

Kein Kreuz, sondern eine Triangulationspyramide, stand hingegen - trotz des Namens - auf dem höchsten Punkt der Wanderung, dem Stöcklichrüz (zur Kompensation befand sich aber kurz davor und kurz danach je ein grosses Kreuz). Von dort sah man auch zum ersten Mal auf die andere Seite der Hügelkette in Richtung Sihlsee hinab. Ziemlich genau entlang der Krete führte der Weg dann abwärts bis zur Tüfelsbrugg. Leider verlief auch auf dieser Seite der Wanderweg meistens auf geteerten Strassen.

Das letzte Stück bis Einsiedeln zog sich dann hin. Unterhaltung bot ein heftiger Luftkampf zwischen einem Schwarm Krähen, einem halben Dutzend Rotmilanen und mindestens zwei Mäusebussharden (das Vogelbestimmungsbuch, das ich vor einer Weile gekauft hatte, zahlte sich endlich aus).

Mittlerweile wurden die Wolken immer dichter und dunkler, doch ich hatte Glück: Der Regen wartete das Ende meiner Wanderung ab. Eigentlich hätte ich den Regenschirm zu Hause lassen können und stattdessen die Sonnenbrille einpacken sollen, denn es gab mehr Sonne als gedacht.

In Einsiedeln angekommen, schaute ich mir - zum wiederholten Male - das Kloster an. Die Klosterkirche ist eine barocke Orgie in rosarot. Doch ich musste selber zugeben, zum Anschauen sind die katholischen Kirchen interessanter als die schlichten reformierten. Mit einem letzten Blick auf das Prunkstück des Klosters, der prächtig in Gold geschmückten schwarzen Madonna, beendete ich die Tagestour.




Wanderinfos:
  • Gewandert: Samstag, 17. September 2016
  • Route: Siebnen - Galgenen - Diebishütten - Stöcklichrüz - Chörnlisegg - St. Meinrad - Tüfelsbrugg - Galgenchappeli - Einsiedeln (Etappe 8 des Alpenpanoramawegs/nationale Route Nr. 3)
  • Meine Wanderzeit: 5 h 30 min
  • Distanz: 23,5 km
  • Höhenmeter (Aufstieg): 1'100 m
  • Weitere Etappen des Alpenpanoramawegs finden sich hier






Sonntag, 11. September 2016

Tanz mit dem Teufel (14. Etappe Zürich - Gotthard)

Wir starteten die Etappe so, wie wir die letzte beendet hatten - mit einer langen Zugfahrt durch die Surselva. Nachdem wir es auch noch geschafft hatten, dass der Zug am Mini-Bahnhof Rueras - an welchem es nicht einmal einen Getränkeautomaten gibt - tatsächlich anhielt, konnte die Wanderung losgehen.

Nach etwa einer halben Stunde standen wir vor der Wahl, ob wir die ohnehin kurze Wanderung noch um eine Stunde verkürzen wollten. In einer Abstimmung, die sicher mit einer Stimmrechtsbeschwerde erfolgreich anfechtbar gewesen wäre, entschieden wir uns für die längere Variante, was einen steilen Anstieg durch den Wald zur Folge hatte. Belohnt wurden wir für diese Anstrengung mit wilden Heidelbeeren. Die Zusatzschlaufe endete mit einem Abstieg, bevor dann wieder die Aufstiege Richtung Milez und Pass Tiarms anstanden.

Nach knapp vier Stunden in einem äusserst angenehmen Wandertempo (Organisator und Tempomacher Thomas legte Wert auf die Feststellung, dass er nicht schnell gewandert war, und ich kann es mir mit ihm nicht (auch) verderben) kam schliesslich der Oberalppass in Sicht. Auf der Passhöhe steht ein - funktionierender - Leuchtturm, welcher die nahe Rheinquelle symbolisiert. Sein Gegenstück steht an der Rheinmündung an der Nordsee. Die Rheinquelle hoben wir uns aber für die finalen beiden Etappen in zwei Wochen auf.

Stattdessen steuerten wir direkt auf das Gasthaus Piz Calmot zu. Dort liessen wir uns nicht nur mit dem besten Essen der ganzen Tour verwöhnen, sondern schliefen in bequemen Betten in Mehrbettzimmern und zumindest ich hatte das Glück von zwei sehr ruhigen Zimmergenossinnen. Eine angenehme Abwechslung zu den schlafverhindernden Schnarchlauten im Massenlager.

Am Sonntag stand dann ein weiterer Klettersteig auf dem Programm. Nach meinen durchzogenen Erfahrungen bei meinem ersten Klettersteig in Braunwald vor knapp zwei Wochen, machte ich mir mit der Tatsache Mut, dass der Diavolo-Klettersteig in Andermatt eine halbe Schwierigkeitsstufe einfacher bewertet ist.

Der Einstieg zum Klettersteig liegt direkt bei der Teufelsbrücke. Neben dem Teufelsbild auf der gegenüberliegenden Felswand erweckte auch der Umstand, dass beim Einstieg bereits die Ambulanz stand, wenig Vertrauen. Die ersten paar Meter hatten es denn auch in sich, und mir war zunächst unklar, wo dieser halbe Schwierigkeitsgrad weniger geblieben war. Es wurde dann aber tatsächlich besser, insbesondere waren die Metallbügel teilweise sehr eng gesetzt. Dazu war die Felswand - im Gegensatz zu Braunwald - nicht ganz senkrecht. Die langen Passagen über glatten Fels, gespickt mit selbst für meine Füsse etwas zu kleinen Metallbügeln, brauchten aber viel Konzentration und setzten mit der Zeit etwas zu. Abwechslungsreicher waren die Abschnitte, in denen der Fels zerklüftet war und mehr natürlichen Halt bot. Weit unter uns floss die Reuss tosend durch die Schöllenenschlucht, ein genialer Ausblick! Oberhalb von uns kam dann schliesslich die Fahne in Sicht, die das Ende des Klettersteigs markierte.

Der Abstieg zurück nach Andermatt zog sich etwas hin, doch der Zickzackweg durch die Lawinenverbauungen war sehr reizvoll und erholsam. Als Fazit nach zwei Klettersteigen kann ich festhalten, dass dies zwar eindeutig nicht mein neues Hobby wird, solange der Schwierigkeitsgrad aber nicht steigt, hat es aber durchaus seinen Reiz.


Wanderinfos:

  • Gewandert: Samstag/Sonntag, 10./11. September 2016
  • Route: Rueras - Liets - Ils Bruis - Milez - Pass Tiarms - Oberalppass (Samstag); Klettersteig Diavolo (K2-3), Andermatt (Sonntag)
  • Unsere Wanderzeit: 4 h (Samstag); ab/bis Andermatt, inkl. Pausen, ca. 4,5 h (Sonntag)
  • Distanz: 12,4 km (Samstag)
  • Höhenmeter (Aufstieg): 1'045 m (Samstag)
  • Übernachten: Gasthaus Piz Calmot
  • Weitere Etappen des Höhenwegs Zürich - Gotthard finden sich hier






Mittwoch, 31. August 2016

Klettersteig Braunwald - Ich gegen die Schwerkraft

In meinem Twitterfeed war der Spruch "Life begins at the end of your comfort zone" aufgetaucht. Das passte beinahe schon prophetisch zu meinem ersten Klettersteig, der am nächsten Tag auf dem Programm stand. Moni hatte die als Einführung für Anfänger geplante Tour auf die Beine gestellt und mit Werni einen erfahrenen Kletterer aufgeboten, der uns Anfänger unterstützte.

Mit der Standseilbahn ging es hoch nach Braunwald und dann mit der Sesselbahn weiter bis Gumen. Von dort wanderten wir bis zum Einstieg in den Klettersteig, wo wir uns in die Ausrüstung zwängten. Als ich dabei die senkrechte Felswand hoch schaute, an der man bereits andere Kletterer hängen sah, kamen mir die ersten Zweifel, ob ich an diesem Morgen doch nicht besser in meiner Komfortzone Bett liegen geblieben wäre. Doch jetzt stand ich in der extra gemieteten Klettermontur schon da, so dass Umkehren keine Option mehr war.

Spätestens nach der ersten heiklen Stelle, einem Kamin mit eindeutig zu wenigen Festhaltemöglichkeiten, war für mich klar, dass das Ganze kein Anfängerklettersteig sein konnte. Als eine weitere schwierige Stelle stellte sich eine Querung heraus, bei der man einen grossen Schritt seitwärts auf einen Metallbügel machen musste, unter welchem es senkrecht die glatte Felswand hinab ging. Ich habe keine Höhenangst, aber dieser Schritt ins Nichts brauchte ziemliche Überwindung. Es gab noch einige weitere Stellen, wo ich einen Moment lang innehalten musste, weil ich zunächst nicht wusste, wie und ob ich weiter komme. Einmal in der Wand blieb aber gar keine andere Möglichkeit, als sich von Eisenbügel zu Eisenstab, von Felsvorsprung zu Felsspalte zu hangeln. Doch erstaunlicherweise schlotterten meine Knie weniger als zwei Wochen zuvor auf dem Col des Audannes und ich musste nicht testen, ob die Klettersteig-Bremse einen Sturz auch tatsächlich bremsen würde.

Nach etwas mehr als einer Stunde erreichten wir die Leiteregg und wurden für die Anstrengung und unseren Mut mit einem schönen Ausblick auf den Tödi sowie mit einer Wiese voller Edelweiss belohnt. Wir verzichteten aber darauf, den zweiten Klettersteig gerade auch noch anzuhängen, sondern machten uns an den Abstieg zurück zum Gumen.



Wanderinfos:

  • Gewandert: Mittwoch, 31. August 2016
  • Route: Klettersteig Rundgang Leiteregg (Route blau, K3)
  • Unsere Zeit: ab/bis Gumen, inkl. Pausen ca. 3 h
  • Höhenmeter (Aufstieg): 300 m


Sonntag, 28. August 2016

Im Badebottich auf 2'000 m (12. + 13. Etappe Zürich - Gotthard)

Auf unserem Weg auf den Gotthard machen wir keine Abkürzungen. Dies hatte zur Folge, dass wir die Wanderung zur Etzlihütte mit einer Gondelfahrt die falsche Talseite hinauf begannen, nämlich zur Golzern Bergstation, wo wir die letzte Etappe beendet hatten. Die Einheimische, die mit uns in der Gondel hochfuhr, sah uns denn auch etwa zweifelnd an, als wir sie über unser Tagesziel aufklärten. Der Vorteil des falschen Berghanges war, dass die Wanderung an diesem sehr warmen Tag mit einem Abstieg begann - nämlich (fast) wieder zur Talstation der Golzernbahn hinunter.

Ich war schon letztes Jahr zur Etzlihütte gewandert und der anstrengende, schwül-heisse Aufstieg war mir noch in lebhafter Erinnerung. Es war absehbar, dass es dieses Mal nicht weniger warm werden würde. Ich hatte schon längere Wanderungen mit mehr Höhenmeter gemacht, doch wieder setzte mir der Aufstieg zur Etzlihütte ziemlich zu, obwohl ab und zu eine Wolke die Sonne verdeckte, so dass es nicht ganz so warm wurde wie befürchtet.

Der Lohn für die Anstrengung und der Grund, warum ich mir das nochmals angetan hatte, war der Badebottich, den die Etzlihütte auf der Terrasse stehen hat. Nachdem wir uns mit einem Bier abgekühlt und beim Abendessen gestärkt hatten, stiegen wir in den mit sehr heissem Wasser gefüllten Zuber und genossen den Blick auf die umliegenden Berge mit einem Cüpli in der Hand - so grenzt Wandern schon fast an Dekadenz.

Am Sonntag, nachdem wir gefrühstückt und auch noch der letzte Mitwanderer seine Blasen vom Vortag verarztet hatte, stiegen wir Richtung Mittelplatten hoch. Der Hang lag noch in Schatten, was den Aufstieg und die damit verbundene Kletterei über Geröll und Felsen angenehm machte. Auf dem höchsten Punkt auf 2'487 m hatte man einen schönen Blick zurück ins Etzlital und nach vorne in die Surselva hinunter. Das einzige, was die Aussicht störte, war die Hochspannungsleitung, die beide Täler verbindet. Nach einer Pause unter dem Strommast machten wir uns an den Abstieg das Val Mila hinunter bis nach Rueras.

Von dort dauerte der Rückweg mit dem Zug nach Zürich sogar noch ein bisschen länger als die Wanderung selber. Dafür führt die Bahnstrecke durch die Rheinschlucht - ein Wanderziel, das schon lange auf meiner Wunschliste steht.



Wanderinfos:

  • Gewandert: Samstag/Sonntag, 27./28. August 2016
  • Route: Golzern (Bergstation) - Golzernsee - Stäfelialp - Herrenlimi - Rossboden - Müllersmatt - Etzlihütte SAC (Samstag); Etzlihütte - Müllersmatt - Mittelplatten - Val Mila - Rueras (Sonntag)
  • Unsere Wanderzeit: ca. 4 h 30 min (Samstag); 3 h (Sonntag)
  • Distanz: 13,2 km (Samstag); 8,7 km (Sonntag)
  • Höhenmeter (Aufstieg): 1'224 m (Samstag); 500 m (Sonntag)
  • Übernachten: Etzlihütte SAC
  • Weitere Etappen des Höhenwegs Zürich - Gotthard finden sich hier











Sonntag, 21. August 2016

Schlottrige Knie am Col des Audannes

Eigentlich wäre an diesem Wochenende mit dem Barrhorn der höchste Gipfel der Saison auf dem Programm gestanden; die unsicheren Wetterprognosen führten aber dazu, dass die Tour abgesagt werden musste. Ich sah mich schon das ganze Wochenende auf dem Sofa liegen und Netflix schauen, als Claude unverhofft eine Tour zur Cabane des Audannes organisierte. Er hatte das Ziel ausgewählt, weil er davon ausging, dass das schlechte Wetter im Westen zwar früher ankommen, dafür aber auch früher vorbei sein würde, und er sollte mit seiner Vermutung recht behalten. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt - wenn ich ehrlich sein wollte - keine Ahnung, wo die Cabane des Audannes überhaupt liegt.

Es wurde also nichts mit Faulenzen, stattdessen stieg ich am Samstagmorgen in den Zug Richtung Wallis. Die Anreise zum Ausgangspunkt der Tour, dem Barrage du Rawil, war etwas umständlich, doch gerade die letzte Etappe per Postauto stellte sich als ein besonderes Erlebnis heraus, nicht nur wegen der schmalen Strasse und der Aussicht ins Tal, sondern insbesondere wegen zwei Tunnel, die nur wenige Zentimeter grösser waren als der Bus und in die der Chauffeur richtiggehend einfädeln musste.

Von der Staumauer aus ging es für unsere kleine Wandergruppe zu Fuss weiter. Der Weg führte zunächst entlang des Lac de Tseuzier und nach ein paar Metern setzte bereits der erwartete Regen ein. Trotzdem entwickelte sich das Wetter an diesem Tag besser als erwartet: Der Regen hörte immer wieder auf und es goss auch nie - wie eigentlich vorausgesagt - in Strömen.

Kurz nach dem See begann die Steigung. Der Weg wand sich sehr steil zwischen den Felswänden den Hang empor und war durch den Regen glitschig geworden, so dass ich prompt ausrutschte und für einmal nicht nur bis zu den Knie schmutzig war, sondern darüber hinaus. Nachdem wir die ersten gut 600 Höhenmeter hinter uns gebracht und den ersten Mitwanderer verloren hatten, erreichten wir einen riesigen, hellen Karstrücken, welcher mitten zwischen den zwei dunkleren Felswänden liegt, als hätte ihn dort jemand hingepflanzt. Ich kraxelte teilweise auf allen Vieren über den zerklüfteten und ausgewaschenen Karst mit seinen tiefen Spalten und spitzen Kanten. Danach ging es weiter hoch, bis wir mit dem Col des Eaux Froides (auf dem es mehr kalte Winde als kalte Wasser gab) auf 2'648 m den höchsten Punkt des Tages erreichten. Von dort aus sahen wir bereits auf der gegenüberliegenden Seite auf einem kleinen Hügel über dem Lac des Audannes die Hütte, in der wir übernachten würden.

Die Cabanes des Audannes ist von aussen nicht gerade ein Schmuckstück und weist innen einen seltsam verwinkelten Grundriss auf. Davon liessen wir uns aber selbstverständlich nicht ablenken, sondern verbrachten einen vergnüglichen Abend mit Wein, Politik und dem Austausch von Lebensweisheiten.

Der nächste Morgen begrüsste uns mit Sonne und blauem Himmel. Wir hatten bereits am Vorabend über verschiedene Routen diskutiert und uns schliesslich auf die Variante via Col des Audannes und Sanetschpass geeinigt. Das bedeutete, dass der Morgen mit einem Aufstieg begann. Die Landschaft bestand in dieser Höhe fast nur noch aus verschiedenfarbigen Felsen und überraschend vielen Schneefeldern, hingegen gab es kaum noch Vegetation. Mehr als einmal wähnten wir uns an diesem Tag auf dem Mond oder einem fremden Planeten.

Die Herausforderung des Wochenendes war der Abstieg vom Col des Audannes: Dieser führt über diverse Leitern und in den Fels eingelassene Metallbügel die Felswand hinunter. Während ich mit den Leitern noch halbwegs zu recht kam, hangelte ich mich ungeschickt von einem rutschigen Metallbügel - welche offensichtlich nicht auf meine Schrittlänge oder Kletterfähigkeiten zugeschnitten waren - zum nächsten. Es gab einen Moment, wo ich dachte, dass ich nicht mehr vorwärts und nicht mehr rückwärts komme. Doch in der Felswand stehen bleiben war einfach keine Alternative, so dass ich mit schlottrigen Beinen den Abstieg beendete. Das letzte Mal, als meine Knie so gezittert haben, war während meiner Fahrprüfung, als ich das Auto seitwärts einparkieren sollte. Die ganze Wanderung war weiss/rot ausgeschildert, der Abstieg vom Col des Audannes ist aber meines Erachtens mindestens als T4 einzustufen - doch die Walliser sind vielleicht einfach härter im nehmen als ich.

Nach den Leitern und Metallbügeln gab es eine weitere kritische Passage, die mit einem Seil gesichert war, dann ging es einfach so steil das Schotterfeld hinunter, bis wir die Ebene Grand' Gouilles erreichten, wobei sich die Pfützen als hübsche kleine Seen entpuppten. Nach einem Gegenanstieg kamen wir auf den Arête de l'Arpille. Der Weg auf diesem Grat verlief auf dem Kamm eines hohen Schutthügels, den wir für die überig gebliebene Moräne eines verschwundenen Gletschers hielten.

Stück für Stück verloren wir Höhenmeter bis zur Sanetsch Passhöhe. Von da war es nicht mehr weit bis zum Sanetschstausee. Damit beendeten wir unsere Wanderung wie wir sie angefangen hatten: Auf einer Staumauer. Mit der Gondel fuhren wir hinab nach Gsteig und überquerten dabei die Kantonsgrenze zu Bern.

Die zwei Tage waren mehr als nur Ersatz für die abgesagte Barrhorn Besteigung gewesen, sondern eine geniale Tour und die alpinste und technisch anspruchsvollste Wanderung, die ich in diesem Jahr gemacht hatte.



Wanderinfos:

  • Gewandert: Samstag/Sonntag, 20./21. August 2016
  • Route: Barrage du Rawil - Lac de Tseuzier - Lac de Ténéhet - Col des Eaux Froides - Cabane des Audannes (Samstag); Cabane des Audannes - La Selle - Col des Audannes - Grand' Gouilles - Arête de l'Arpille - Sanetschpass - Sanetsch-Stausee (Sonntag)
  • Unsere Wanderzeit: 4 h (Samstag); 5 h (Sonntag)
  • Distanz: 8,6 km (Samstag); 14,1 (Sonntag)
  • Höhenmeter (Aufstieg): 1'008 m (Samstag); 705 m (Sonntag)
  • Übernachten: Cabane des Audannes











Sonntag, 14. August 2016

Sommertage auf der Greina

Die Wetterprognosen prophezeiten das bisher vielleicht schönste Wochenende des Sommers: Zwei Tage strahlender Sonnenschein. Gut, dass mit der Greina die passende Tour auf dem Programm stand. Bereits am Bahnhof Zürich wurde aber offensichtlich, dass wir an diesem Wochenende nicht die Einzigen mit Wanderplänen waren: Der Zug Richtung Chur war voll von Leuten mit Wanderschuhen und Rucksäcken. Wanderern würden wir in den nächsten zwei Tagen denn auch noch in rauen Mengen begegnen.

Wir starteten in Vrin und die Route führte zunächst entlang eines Teersträsschens ins Tal hinein. Als der Teer endete, begann die Steigung. Die Vegetation war von Anfang an karg, bereits in Vrin gab es keine Bäume und kurz danach auch keine Sträucher mehr. Dafür gab es eine Menge glänzender, quarzhaltiger Steine. Ein besonders schönes Exemplar hätte sich gut in meinem (nicht vorhandenen) Garten gemacht, doch keiner meiner männlichen Mitwanderer liess sich dazu überreden, den (Fels-)Brocken für mich zu hochzutragen.

Auf dem Pass Diesrut hatten wir mit 2'428 m den höchsten Punkt des Tages erreicht und kurz danach kam die Greina Ebene endlich in Sicht. Wir machten eine Pause nur um die Aussicht auf die mit zahlreichen Bächen mäanderartig durchzogene Hochebene zu geniessen. Vor einigen Jahrzehnten plante man einen grossen Stausee, welcher die gesamte Ebene überflutet hätte. Obwohl ich durchaus ein Verfechter der Wasserkraft bin - beim Anblick dieser einzigartigen Landschaft war ich froh, dass Naturschützer die Projekte verhindert hatten. Heute steht die Greina unter Schutz und wurde ins Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung aufgenommen.

Unser Tagesziel war die Terrihütte, die von weitem sichtbar auf einem Hügel thront. Das Bier auf der sonnigen Terrasse mussten wir uns aber noch mit einer Kraxelei über nackte Felsen verdienen. Die Terrihütte ist die grösste SAC-Hütte, in der ich bisher war, und auch die mit der besten Infrastruktur, was sich insbesondere an den sanitären Anlagen zeigte. Nach dem Abendessen setzten wir uns nochmals auf die Terrasse und hofften auf Perseiden-Nachzügler. Sternschnuppe sah ich schliesslich nur eine, dafür zog die Raumstation ISS vorbei, wobei mir nicht klar war, ob man sich da auch was wünschen darf.

Der Sonntag begann mit Kerzen und einem Kuchen zum Frühstück für Geburtstagskind, Langschläfer und Tourorganisator Tom. Danach wanderten wir zunächst der Greina Ebene entlang bis zum Greinapass. Wir kamen gut vorwärts, so dass - wie bereits am Vortag - genügend Zeit für zahlreiche kleinere und grössere Pausen blieb. Die Passhöhe ist auch die Kantonsgrenze und markierte den Beginn des langen Abstiegs, der entlang des Brenno führte, der in zahlreichen Wasserfällen und Stufen das Tal hinab fliesst. Mit jedem Höhenmeter, den wir ins Tessin hinab stiegen, wurde es (noch) wärmer. Selbst das Murmeltier, das sich auf einem Stein sonnte, war fast zu träge, sich vor uns im Sicherheit zu bringen. Bei der Mittagspause drohte beinahe der Hitzschlag, doch ein ausgiebiges Fussbad in kalten Bach senkte die Körpertemperatur und gab uns die Gelegenheit, doch noch eine Staumauer zu bauen.

In Campo Blenio gab es endlich die lang ersehnte Glace. Ich entschied mich schliesslich für eine Rückreise via Lukmanierpass und dabei zeigten sich die Unterschiede in der Kundenfreundlichkeit zwischen den Tessiner und den Bündner Verkehrsbetrieben: Während der Tessiner die Leute in den Bus packte, bis man kaum mehr atmen konnte - Doppelführung von Kursen gibt's im Tessin wohl nicht -, begrüsste uns sein Bündner Kollege Claudio nach dem Umsteigen auf der Passhöhe nicht nur ausgesprochen freundlich, sondern er holte die Tessiner Verspätung fast auf und sorgte persönlich dafür, dass der Anschlusszug in Distentis die übrig gebliebene Minute noch auf uns wartete. Damit hatte selbst die lange Rückfahrt ein Highlight.


Wanderinfos:
  • Gewandert: Samstag/Sonntag, 13./14. August 2016
  • Route: Vrin - Puzzatsch - Alp Diesrut - Pass Diesrut - Camona da Terri CAS (Samstag); Camona da Terri CAS - Passo della Greina - Capanna Scaletta - Daigra - Campo Blenio (Sonntag)
  • Unsere Wanderzeit: 4 h 30 min (Samstag); 4 h 45 min (Sonntag)
  • Distanz: 11,7 km (Samstag); 16,5 km (Sonntag)
  • Höhenmeter (Aufstieg): 1'180 m (Samstag); 400 m (Sonntag)
  • Übernachten: Terrihütte SAC 








Mittwoch, 10. August 2016

Hat der Niesen einen Hut...

...dann wird das Wetter gut - besagt zumindest eine bekannte Bauernregel. Heute hatte der Niesen eher eine Mütze, die er sich tief ins Gesicht gezogen hatte, und ich war gespannt, was dies für Wetter verhiess. Ich hatte bei meiner letzten Wanderung Moni kennengelernt und sie war so nett gewesen, mich in ihre Wandergruppe einzuladen. Dass ihre geplante Wanderung 1'800 Höhenmeter beinhaltete, traf sich dabei gut, denn ich brauchte für die kommenden Wochenenden noch etwas Training.

Wir starteten in Wimmis und der Weg führte von Anfang an aufwärts, immer sehr abwechslungsreich durch den Wald. Im Ahorni hatten wir die Wolken eingeholt, so dass wir das nächste Stück im Nebel absolvierten, was aber der Attraktivität der Strecke keinen Abbruch tat. Hingegen war es vorbei mit der Aussicht auf den Thunersee. Unterwegs passierten wir Waldarbeiter, welche Schneeverbauungen erstellten und den Wald aufforsteten. Zufälligerweise hatte ich am Vortag in der Berner Zeitung gelesen, dass weitsichtige Wimmiser schon vor hundert Jahren angefangen hatten, auf diese Weise den Niesennordhang zu sichern.

Ich versuchte mit Monis Tempo mitzuhalten, doch spätestens in der steilen Kuhweide unterhalb des Gipfels musste ich neidlos eingestehen, dass bei meiner Fitness noch Raum nach oben bestand. Ich überbrückte meine Schwächephase mit Schokolade und dann reichte die Energie doch noch für den restlichen Aufstieg. Auf den letzten Metern mussten wir zudem noch ein paar Kühen ausweichen, die es sich direkt auf dem Wanderweg bequem gemacht hatten und sich nur sehr ungern zum Aufstehen bewegen liessen.

Auf dem Gipfel hatte sich der Nebel etwas gelichtet und man sah wenigstens den Thuner- und Brienzersee. Das Berner Alpenpanorama blieb aber hinter dicken Wolken verborgen. Die extrem steile Niesenbahn brachte uns schliesslich sicher zurück ins Tal.


Wanderinfos:

  • Gewandert: Mittwoch, 10. August 2016
  • Route: Wimmis - Im Vordere Ahorni - Stueffistei - Niesen Kulm
  • Unsere Wanderzeit: 3 h 30 min
  • Distanz: 10 km
  • Höhenmeter (Aufstieg): 1'761 m