Sonntag, 29. Oktober 2017

Windspitzen und Tessiner Sonnenuntergänge

Claude hatte für das wohl letzte verlängerte Wanderwochenende der Saison nicht nur die perfekte Gegend, sondern auch - kräftig unterstützt vom Nordföhn - das perfekte Wetter ausgesucht. Der warme Wind, der für das durchgehend sonnige Wetter sorgte, blies uns aber über die drei Tage einige Male heftig um die Ohren.

Die Tour begann in Cimadera, einem kleinen Tessinerdörfchen zuoberst im Val Colla. Der kurze Aufstieg von Cimadera zur Capanna Pairolo führte über Laub bedeckte Waldwege, so dass es bei jedem Schritt raschelte. Die tiefstehende Sonne tauchte die Landschaft in ein warmes Licht. Wir erreichten die Hütte gerade rechtzeitig, um zu beobachten, wie die Sonne schliesslich hinter dem Monte Rosa-Massiv unterging. In der gemütlichen Hütte waren wir praktisch die einzigen Gäste und konnten uns daher im Gastraum vor dem offenen Kamin und im geräumigen, dreistöckigen Massenlager ausbreiten.

Die geplante Wanderung folgte dem Sentiero Lago di Lugano, welcher in einem grossen Bogen um das Val Colla führt, so dass man - einer Arena gleich - von Anfang an die ganze Strecke überblicken konnte. Am Samstag stiegen wir entlang dem schweizerisch-italienischen Grenzgrat hoch und der Pfad schlängelte sich durch Wälder und über zerklüftete Felsen zwischen den Grenzsteinen hin und her. Von diversen Aussichtspunkten aus hatte man freie Sicht auf Luganersee, Lago Maggiore und den Alpenbogen vom Monte Rosa über die weiteren Walliser Viertausender (inkl. Allalinhorn) bis zum höchsten Berner, dessen markante, schneebedeckte Spitze in der Sonne glänzte.

Luganersee und Alpenbogen

Der erste Gipfel des Tages für uns war der Cima di Fojorina mit bescheidenden 1'807 m. Der heftige Wind nahm einem aber die Lust, hier eine längere Rast einzulegen. Stattdessen stiegen wir in Richtung Passo di San Lucio ab. Dort stehen - nur wenige Meter voneinander entfernt, aber getrennt durch die Landesgrenze - eine schweizerische und eine italienische Hütte. Wir hatten die schweizerische als Zwischenhalt vereinbart und wollten die Wartezeit mit einem Glas Wein und einem kleinen Imbiss verkürzen. Leider war der Wirt, der den vollbesetzten Gastraum nicht nur alleine bedienen, sondern auch bekochen musste, etwas überfordert. Zudem sprach er nur Italienisch (und wir nicht), so dass wir dachten, wir hätten die ganze Karte bestellt, während er verstanden hatte, dass wir es uns noch überlegen würden. Doch bis Claude auch noch das letzte seiner verirrten Schäfchen eingesammelt hatte, kamen wir doch noch zu unserem Mittagessen.

Grat Richtung Gazzirola
Nach der ausgiebigen Pause waren wir zumindest genügend ausgeruht für den Hauptanstieg des Tages: Über eine Wind ausgesetzte Grasflanke führte der Weg immer aufwärts. Von weitem sah man ein grosses Kreuz, so dass man das Ziel deutlich vor Augen zu haben schien. Entsprechend beglückwünschte ich mich für meine Leistung, als ich das Kreuz endlich erreicht hatte - nur um Minuten später beim nächsten Wegweiser festzustellen, dass der höchste Punkt noch vor mir lag. Wenigstens war es bis zum Gazzirola (2'112 m) nicht mehr weit. Im Gegensatz zum namenlosen, markant bekreuzten Punkt 2'091 gab es auf diesem Gipfel nur einen mickrigen Steinhaufen.

Unterdessen hatte der Föhn nochmals zugelegt und beim Abstieg über den Grat holten mich die Windböen zeitweise fast von den Beinen. Die offizielle Route des Sentiero Lago di Lugano hätte weiter über den Monte Bar geführt, doch darauf verzichteten wir. Stattdessen stiegen wir bei der Alpe Pietrarossa vom Grat hinunter und wanderten der - mehr oder weniger windgeschützten - Talflanke entlang zum Tagesziel, der Capanna Monte Bar. Es dauerte schliesslich aber ein paar Kurven mehr als gedacht, bis die Hütte, welche exponiert am Hang liegt, endlich in Sicht kam.

Capanna Monte Bar SAC
Die Capanna Monte Bar wurde im Jahr 2016 neu erbaut und ist die modernste SAC-Hütte, in welcher ich bisher war. Wir waren in komfortablen 4er-Zimmern untergebracht und genossen die warme Dusche; doch das Beste an der Hütte war der Gastraum mit seiner bis zum Boden reichenden Fensterfront, welche einen atemberaubenden Blick über das Luganer Seebecken bot. Bereits der Sonnenuntergang am Vorabend war schön gewesen, doch diesmal schien der Himmel zu brennen und wir hatten von der Capanna Monte Bar aus einen Logenplatz, um das Schauspiel zu beobachten.

Beim Frühstück konnte man die Aussicht nochmals bei Tageslicht geniessen. Anschliessend holte ich mit dem Monte Bar noch den Gipfel (1'814 m) nach, den wir am Vortag ausgelassen hatten. Dann begann der lange Abstieg: Die meisten hatten sich entschieden, nicht nach Süden, sondern nach Norden abzusteigen, was zwar eine etwas längere Wanderzeit bedeutete, welche durch die verkürzte Rückfahrtzeit aber mehr als kompensiert wurde. Damit folgten wir weiter dem ausgeschilderten Sentiero Lago di Lugano.

Auf abwechslungsreichen Zickzackpfaden durch Kastanienwälder, vorbei an kleinen Alpen und menschenleeren Weilern ging es über 1'000 Höhenmeter hinunter, bis wir schliesslich Medeglia im Val d'Isone erreichten. An der Sonne warteten wir auf den Bus - hinter dem Gotthard wartete schon der Regen auf uns.



Wanderinfos:

  • Gewandert: Freitag/Samstag/Sonntag, 27./28./29. Oktober 2017
  • Route: Cimadera - Capanna Pairolo (Freitag); Capanna Pairolo - Cima di Fojorina - Passo di San Lucio - Gazzirola - Pozzaiolo - Alpe Pietrarossa - Piandanazzo - Capanna Monte Bar (Samstag); Capanna Monte Bar - Monte Bar - Caval Drossa - Motto della Croce - Davrosio - Gola di Lago - Medeglia (Sonntag) (+/- Etappen 5 und 4 des Sentiero Lago di Lugano/regionale Route Nr. 52)
  • Unsere Wanderzeit: 1 h (Freitag); 5 h 45 min (Samstag); 3 h 40 min (Sonntag)
  • Distanz: 3,3 km (Freitag); 18 km (Samstag); 11,7 km (Sonntag)
  • Höhenmeter (Aufstieg): 350 m (Freitag); 1'400 m (Samstag); 430 m (Sonntag)
  • Übernachten: Capanna Pairolo SAC (Freitag); Capanna Monte Bar SAC (Samstag)
  • Weitere Etappen des Sentiero Lago di Lugano finden sich hier





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