Donnerstag, 16. September 2021

Lago di Lei - Unterwegs im italienisch-bündernischen Grenzgebiet

Lago di Lei, Avers
Ich hatte Ende Januar ein verlängertes Schneeschuhwochenende im Avers verbracht und mir schon damals versprochen, das abgelegene Bergtal auch mal im Sommer zu besuchen. Schneller als gedacht ergab sich dazu die Gelegenheit.

Das Avers mag abgelegen sein, unbekannt ist es hingegen nicht, wenn man das überfüllte Postauto als Massstab nahm. Ich war froh, als ich in Innerferrera aussteigen und den Menschenmassen entfliehen konnte. 

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Der Wanderweg folgte zunächst auf der alten Aversstrasse dem Averser Rhein. Der viele Regen der letzten Zeit hatte dafür gesorgt, dass die Vegetation üppig grün war - und der Weg immer wieder Teil eines Bachlaufs. Bald verliess ich das Haupttal und bog ins Val digl Uors ein. Der Einstieg in dieses Seitental begann mit einem Aufstieg durch ein steiles Waldstück. In einer etwas flacheren Lichtung vereinten sich zwei rauschende Bäche und ich war begeistert von der lieblichen Landschaft.

Nur ein paar Meter weiter stolperte ich fast über einen Grenzstein, der anzeigte, dass ich mich jetzt in Italien befand. Ich liess den Wald hinter mir und plötzlich öffnete sich die Landschaft und vor mir lag das Valle di Lei, das in der Mitte durch einen mächtigen Staudamm geteilt wird.

Auf einer breiten Fahrstrasse ging es flach zwei italienischen Alpen entlang, bis ich den Staudamm erreichte. Der Grenzverlauf ist hier sehr speziell: Während die Staumauer auf Schweizer Boden liegt, ist der Rest des Sees und des Tals italienisch.

Lago di Lei, Avers
Ich machte unzählige Fotos von dem grossen, blauen See, in dem sich die umgebenden Berge spiegelten, während ich die Staumauer überquerte. Auf der anderen Seite gab es ein kleines Infocenter über die Energiegewinnung und die Geschichte des Stausees.

Auf Schweizer Boden ging es dann wieder aufwärts. Der breite Weg wand sich in langgezogenen Kurven den Hang hoch, so dass es nie wirklich steil war. Die Mittagssonne und der fehlende Schatten brachten mich trotzdem heftig ins Schwitzen, bis ich endlich die Furgga (2'167 m) erreicht hatte. Unter mir lag jetzt wieder das Avers.

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Um den Abstieg in Angriff nehmen zu können, musste ich einen Zaun überqueren, an welchem ein Schild angebracht war, das mit den Worten "MÖGLICHE TODESGEFAHR!" vor Mutterkühen warnte. Ich musterte argwöhnisch ein paar Tiere, die etwas weiter unten mitten auf dem Wanderweg weideten. Ich überlegte mir schon Alternativrouten, als eines der Tiere mit dem Schwanz schlug und damit klar erkennbar wurde, dass es sich vielleicht um eine Mutter handelte, aber keinesfalls um eine Kuh. Vielmehr war es eine kleine Gruppe von Pferden und Eseln, die mich kaum beachteten, als ich sie passierte.

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Über Weiden und Wälder ging es hinunter, bis ich in der Nähe von Cröt wieder auf die alte Aversstrasse und den Averser Rhein traf. Das letzte Stück zog sich dann hin und als auf der anderen Talseite ein Postauto auf der neuen Aversstrasse an mir vorbeifuhr, fragte ich mich schon, warum ich mir diesen eher überflüssigen Gegenanstieg überhaupt antat. 

Das erste Haus von Cresta, das in Sicht kam, war dann aber bereits mein Hotel und beim kühlen Bier auf der Terrasse, mit Blick auf das Grosshorn, das ich im Winter mit Schneeschuhen erklommen hatte, liessen sich die Ferien wieder geniessen.





Wanderinfos:

  • Gewandert: Donnerstag, 12. August 2021
  • Route: Innerferrera - Val digl Uors - Alpe Motta - Alpe del Crot - Lago di Lei - Furgga(Passo del Scengio - Furggawold - Lezibrücke - In der Chella - Cresta (Avers)
  • Meine Wanderzeit: 5 h
  • Distanz: 15 km
  • Höhenmeter (Aufstieg): 1'150 m

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Donnerstag, 2. September 2021

Von der Cavardiras- zur Puntegliashütte: Weglos durch die unberührten Hochtäler der Surselva

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Nachdem ich zwei Wochen zuvor das Avers bewandert hatte, ging es erneut ins Graubünden, diesmal in die Surselva. Ivan hatte eine dreitägige Tour zusammengestellt, die äusserst verlockend klang, obwohl es mich schon etwas beunruhigte, dass die Wege, die er gehen wollte, teilweise nicht einmal auf der Karte eingezeichnet waren.

Von Disentis ging es zunächst bequem mit der Seilbahn bis Caischavedra. Auch der erste Teil der Wanderung war nur wenig anstrengend und führte mässig ansteigend entlang der Talflanke. Erst als nach dem Lag Serein die Wegmarkierung von rot/weiss auf blau/weiss änderte, nahm die Steigung zu. Die Wegfindung war dabei noch kein Problem: Gefühlt jeder zweiter Felsen war blau/weiss angemalt; irgendjemand hatte wohl überflüssige Farbe aufbrauchen müssen. 

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Schroffe Felsen umschlossen den Talkessel und je näher wir ihnen kamen, desto steiler und felsiger wurde auch der Untergrund. Eine schöne Kraxelei durch ein Couloir brachte uns die letzten Höhenmeter auf den Brunnipass (2'739 m) hinauf und damit öffneten sich schlagartig neue Horizonte: Unter uns strahlte der Brunnifirn im Sonnenschein und man wähnte sich in einer komplett anderen Welt. Wir konnten uns an der vergletscherten Bergwelt, die vor uns lag, kaum satt sehen.

Wir balancierten über den Blockgrat, bevor wir über die grossen Felsblöcke - assistiert durch Leitern und Ketten - zum Gletscher hinunter kletterten. Die kurze Strecke über den Brunnifirn war mit orangen Verkehrskegeln gekennzeichnet und bald danach kam schon die Cavardirashütte, unser Etappenziel, in Sicht.

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Es wurde eine kurze Nacht, bereits um sechs Uhr liefen wir im Schein der Stirnlampen von der Hütte ab. Wir hatten eine über siebenstündige Wanderung vor uns und wollten die Puntegliashütte vor dem für den Nachmittag angekündigten Regen erreichen. Im Dunkeln ging es den felsigen Hüttenweg hinunter und ich war manchmal froh, dass man nicht genau erkennen konnte, wie ausgesetzt es tatsächlich war.

Als wir den Talboden des Val Russein erreichten und den kleinen Fluss überquerten, verliessen wir den offiziellen Wanderweg und stiegen eine Wiese hoch, wo wir eine schmale Wegspur erreichten, die einem abschüssigen Hang entlang in ein Seitental hineinführte. Ab da markierten nur noch vereinzelte orange Striche und Steinmännchen die Route.

Unser Plan, früh zu starten, um dem Regen auszuweichen, funktionierte zunächst nur bedingt, denn fast von Beginn weg hatte es immer wieder in unterschiedlichen Stärken genieselt. Richtig nass wurden wir aber nicht vom Regen, sondern vom Wasser, das sich am kniehohen Gras gesammelt hatte und den Hosenbeinen entlang direkt in die Schuhe lief. Schon bald hatte ich ein unangenehm feuchtes Gefühl in meinem linken Schuh.

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Bei der Alp Russein da Munstér gab es ein letztes Mal Kontakt mit der Zivilisation und einen richtigen Weg. Fast gleichzeitig zog dichter Nebel vom Val Russein hoch und einen Moment lang war ich nicht sicher, ob es eine gute Idee war, bei diesen Wetterbedingungen eine weglose Wandertour zu machen. Doch meine Bedenken waren unbegründet, Ivan hatte die die Wegfindung jederzeit sicher im Griff.

Ein oranger Pfeil zeigte die Abzweigung Richtung Val Gliems an. Zwischen einem Wasserfall und einem kleinen Wäldchen stiegen wir nach oben und dann traf die prognostizierte Wetterbesserung doch noch ein: Der Nebel verzog sich und zwischen den Wolken blitzte ab und zu die Sonne durch. Wir machten eine kurze Pause, damit Ivan das Wasser aus seinen Bergschuhen leeren konnte.

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Während beim Einstieg in den Hang zunächst noch eine Wegspur sichtbar gewesen war, verlor sich diese allmählich im hohen Gras, je weiter wir nach oben stiegen. Nur sporadisch bestätigte eine orange Markierung, dass wir uns noch auf der richtigen Fährte befanden. "Steil" ist ein unzureichendes Adjektiv, um die Neigung der Wiese zu beschreiben. Über vierhundert Höhenmeter galt es auf einer Distanz von nur einem Kilometer zu bewältigen. Meine ganze Konzentration galt einem sicheren Tritt, denn Ausrutschen im nassen Gras hätte eine fatale Rutschpartie zur Folge haben können.

In den dringend notwendigen Verschnaufpausen konnte man einen Blick zurück ins Cavardirastal hineinwerfen und wenn man genau hinsah, konnte man sogar noch die Hütte erkennen, bei der wir am Morgen gestartet waren. Ich war sehr froh, als das Gelände endlich etwas abflachte. Ein coupierter Übergang brachte uns ins Val Gliems. Vor uns lag eine komplett flache Schwemmebene, die von zahlreichen Wasserläufen durchzogen war. Kleine gelbe Blumen wuchsen zwischen dem grauen Schotter und verliehen der kargen Landschaft einen Farbtupfer.

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Die Hochebene wurde abgeschlossen durch hohe Schuttkegel, die sich unter den Felswänden aufgetürmt hatten. Ivan hatte uns versprochen, dass der zweite Teil des Aufstiegs nicht mehr so steil sein würde wie der erste, aber ein Blick den Berg hinauf zeigte, dass dies brandschwarz gelogen war. Sich zu beklagen nützte aber wenig, zumal ich all meine Energie zum Hochsteigen brauchte. 

Der feine Schotter bot nur bedingt Halt und man musste aufpassen, dass man nicht nach jeden Schritt einfach wieder runterrutschte. Während die meisten Berge um uns herum wiess-grau waren, hob sich ein einzelner brauner Felsrücken von seiner Umgebung ab. Ihm folgten wir immer höher und die Form des Schotters veränderte sich von eckigen Kieselsteinen zu flachen Schieferplättchen.

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Eine halbe Rolle Traubenzucker später hatte ich es geschafft: Wir standen auf der Fuorcla da Punteglias (2'811 m) zwischen spitzen Felsen und konnten das gleichnamige Tal sehen. Über ein paar übrig gebliebene Schneefelder ging es stotzig hinunter in das Hochtal, das noch rauher und karger schien als dasjenige, das wir gerade hinter uns gelassen hatten. Die wenigen Reste des Puntegliasgletscher klebten an den senkrechten Bergwänden. Der zurückweichende Gletscher hatte rund abgeschliffene Felsen zurückgelassen, die Wellen zu bilden schienen und der steinigen Umgebung eine unbeschreibliche Dynamik verliehen. 

Auf einer Moräne aus grossen Gesteinsblöcken folgten wir dem Gletschervorfeld. Die Steinmännchen wurden zahlreicher und als schliesslich zwei Laternen den Weg zu einer Brücke wiesen, war klar, dass es nicht mehr weit sein konnte zur Hütte.

Tatsächliche tauchte die Puntegliashütte bald hinter einem grossen Felsen auf. Die Hüttenwarte begrüssten uns herzlich. Wir waren die einzigen Gäste und mir gefiel die kleine, liebevoll geführte Hütte mit der familiären Atmosphäre sofort. Nachdem unsere Füsse wieder trocken waren, starteten wir die Erholung von den Strapazen des Tages mit Bier und Schokoladenkuchen. 

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Am nächsten Tag stiegen wir über den Hüttenweg ins Val Punteglias ab. Im Aufstieg und bei trockenen Verhältnissen wäre dies ein spannender und abwechslungsreicher Pfad über zahlreiche Felsplatten gewesen; im Abstieg und bei Nässe musste man aufpassen, auf den abschüssigen Felsen nicht ins Rutschen zu geraten. 

Bei der Alp Punteglias bogen wir in den Panormaweg ein - auch wenn die Wolken grosse Teile des Panoramas verdeckten - und in einem lockeren Auf und Ab ging es den Hang entlang. Üppig grüne Wälder und Wiesen bildeten einen Gegensatz zur felsigen Landschaft des Vortages. Schon bald kam Brigels in Sicht, wo wir schliesslich unsere Wanderung beendeten.

Es war eine anstrengende, aber ungemein eindrückliche Wanderung gewesen, durch einsame und karge Landschaften, die einem immer wieder staunen liessen. Ich hatte bei den steilen Aufstiegen viel geflucht, doch am Schluss hat sich jeder Höhenmeter gelohnt!

 


Wanderinfos:

  • Gewandert: Samstag/Sonntag/Montag, 21./22./23. August 2021
  • Route: Disentis, Caischavedra - Lag Serein - Brunnipass - Brunnifirn - Fuorcla da Cavardiras - Cavardirashütte (Samstag); Cavardirashütte - Val Cavardiras - Plaun Lavazzas - Stavelets Su - Alp Russein da Mustér - Pkt. 1790 - Val Gliems - Fuorcla da Punteglias - Puntegliashütte (Sonntag); Puntegliashütte - Alp da Punteglias - Alp da Schlans Sut - Plaun da Plaids - Breil/Brigels (Montag)
  • Unsere Wanderzeit: 3 h 30 min (Samstag); 7 h 30 min (Sonntag); 3 h 30 min (Montag)
  • Distanz: 7 km (Samstag); 15,5 km (Sonntag); 11 km (Montag)
  • Höhenmeter (Aufstieg): 970 m (Samstag); 1'200 m (Sonntag); 240 m (Montag)
  • Übernachten: Camona da Cavardiras CAS (Samstag); Camona da Punteglias CAS (Sonntag)
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Route Cavardiras- Puntegliashütte (Sonntag)



Donnerstag, 26. August 2021

Jenatschhütte: Bunte Steinwüste zwischen Julierpass und Val Bever

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Vor zwei Jahren hatte ich den Jahreswechsel auf der Jenatschhütte verbracht. Mir hatte die - damals tiefverschneite - Landschaft sehr gut gefallen. Entsprechend wollte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, die Tour im Sommer zu wiederholen. 

Ich hatte in Bivio übernachtet und da der Rest der Wandergruppe erst gegen Mittag vom Unterland kommend eintrudelte, beschloss ich, mich zu Fuss zum Treffpunkt bei La Veduta - etwas unterhalb der Julierpasshöhe - aufzumachen. 

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Am Anfang führte der Weg noch abwechslungsreich entlang von Wasserfällen und der rauschenden Güglia, doch bald bildete vornehmlich das Rauschen der Passstrasse die Geräuschkulisse. Es hatte am Vortag kurz geregnet und die feuchte Wärme brachte mich ins schnell ins Schwitzen, obwohl es noch früher Vormittag war. Ich brauchte schliesslich länger als gedacht, bis ich beim Ospizio La Veduta ankam, doch es reichte noch für eine kühlende Cola, bevor meine Wanderkollegen mit dem Postauto eintrafen.

Die Passstrasse liessen wir schnell hinter uns, als wir ins Val d'Agnel einbogen. Beim Aufstieg durch die karge Landschaft fielen uns Gruppen von Leuten auf, die grosse runde Objekte den Hang hinauf schleppten. Bald erfuhren wir, dass es sich dabei um die mühseligen Aufbauarbeiten für ein Kunstprojekt handelte: Eine überdimensionale Uhr soll in einem Felsentor bei der Fuorcla digl Leget aufgehängt werden, wobei die Uhr langsamer wird, wenn sich ein Wanderer nähert (oder schneller; die entsprechenden Erklärungen blieben widersprüchlich). Mir schien Kunst vor allem anstrengend zu sein, wenn man sah, wie sich die zahlreichen Helfer mit den schweren Einzelteilen abmühten. Reto hatte schliesslich Erbarmen und half beim Tragen.

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Der Rest von uns überholte die Kunstbegeisterten rasch und stieg durch ein letztes steiles Geröllfeld zur Fuorcla d'Agnel (2'983 m) hinauf. Rund um uns herum gab es nichts als Fels und Stein, doch die Landschaft war alles andere als eintönig grau: Vielmehr leuchtete der Fels in allen Farben von grün und violett über rot bis braun. Über lockeren Schotter und glattgeschliffene, rot leuchtende Felsen, über welche Wasserfälle rauschten, ging es hinunter zum Talboden zu einem milchig-blauen See. 

Von dort war es dann nicht mehr weit zur Jenatschhütte. Kurz bevor wir diese erreichten, forderte uns ein Pfeil unmissverständlich auf, den direkten, flachen Weg entlang der Höhenlinie zu verlassen und stattdessen einen Umweg zu nehmen, welcher einen Abstieg und einen kurzen Gegenanstieg erforderte. Wir folgten der Aufforderung brav, diskutierten dann aber beim Bier auf der sonnigen Hüttenterrasse heftig, ob die Umleitung einer möglichen Steinschlaggefahr geschuldet war oder der Boshaftigkeit des Hüttenwarts.

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Nach einer kurzen Nacht im voll besetzten Massenlager - ich hatte schon lange nicht mehr so schlecht geschlafen in einer Hütte - starteten wir  fast pünktlich unseren Abstieg. Am Anfang war der Weg noch schmal und steil, aber bald wandelte er sich zu einer breiten Feldweg mit einem angenehmen Gefälle. Die Strecke durch das weitläufige Val Bever war ziemlich lang und nicht zum ersten Mal lenkte mich die Schönheit des Tals, durch welches der gletscherfarbene Bever fliesst, von etwaigen Müdigkeitserscheinungen ab.

In Spinas blieb Zeit für eine kurze Erfrischung, bevor es zurück ins Unterland ging. Die Fahrt nach Zürich dauerte schliesslich fast so lange wie die Wanderung von der Jenatschhütte nach Spinas. Doch trotz der langen Reise, es hatte sich auf jeden Fall gelohnt, der Jenatschhütte auch im Sommer einen Besuch abzustatten. Leider konnte Nicole, welche die schöne Tour ausgesucht und organisiert hatte, unfallbedingt nicht teilnehmen - aber hoffentlich bald wieder!



Wanderinfos:

  • Gewandert: Samstag/Sonntag, 14./15. August 2021
  • Route: Bivio - Mot - Tgesa Brüscheda - La Veduta - Val d'Agnel - Fuorcla d'Agnel - Jenatschhütte (Samstag); Jenatschhütte - Tegia d'Val - Uember da Palüd Marscha - Spinas (Sonntag)
  • Unsere Wanderzeit: 5 h 45 min (Samstag); 3 h 10 min (Sonntag)
  • Distanz: 15,9 km (Samstag); 12,5 km (Sonntag)
  • Höhenmeter (Aufstieg): 1'400 m (Samstag); 100 m (Sonntag)
  • Übernachten: Chamanna Jenatsch CAS
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Donnerstag, 19. August 2021

Val Piora: Unter Murmeltieren

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Der Ritomsee war schon lange auf meiner Wander-to-do-Liste und ein spontaner Abstecher ins Tessin, bei welchem sich das einzig verfügbare Hotelzimmer in (Ambri-)Piotta fand, bot unverhofft die Gelegenheit, diese Pendenz abzuhaken. 

Den Aufstieg kürzte ich grösstenteils mit Standseilbahn ab und die Fahrt den Berg hoch war beeindruckend: Die Ritombahn ist eine der steilsten der Welt und von Abschnitt zu Abschnitt schien das Gefälle zuzunehmen. Teilweise hatte ich das Gefühl, dass es fast senkrecht hoch ging. Ich hatte zunächst mit dem Gedanken gespielt, zu Fuss zum Ritomsee hochzusteigen, doch während der Fahrt war ich froh, dass ich von diesem Gedanken wieder abgekommen war.

Von der Bergstation der Bahn war es nur ein kurzer Spaziergang entlang einer Fahrstrasse bis zur Staumauer des Ritomsees. Ich entschied mich, entlang des unbewaldeten Ufers zu wandern und so hatte ich eine schrankenlose Sicht auf den blauen See. 

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Nachdem ich den See hinter mir gelassen hatte, öffnete sich die Landschaft und ich erreichte das Val Piora. Tief unten hatte sich ein Wildbach ins helle Gestein gegraben. Piora resp. die "Piora-Mulde" war mir bisher vor allem als berüchtigte geologische Störzone beim Bau des Gotthard-Basistunnels ein Begriff. Von aussen gesehen war die Piora-Mulde eine liebliche, ausgedehnte Weidelandschaft.

Eine Bewegung im Augenwinkel erregte meine Aufmerksamkeit und schon war das Murmeltier in seinem Bau verschwunden. Doch plötzlich schienen die putzigen Tierchen überall aufzutauchen. Während die älteren Tiere friedlich grasten, zeigten sich die Jungen verspielt und jagten sich gegenseitig über die Wiese. So viele Murmeltiere, so nahe und so lange hatte ich noch nie beobachten können. Ich kam mit dem Fotografieren fast nicht mehr nach. Selbst als ich Pause machte und mich hinsetzte, liessen sie sich nicht von mir stören. Ich konnte mich fast nicht mehr losreissen von so viel Niedlichkeit!

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Schliesslich bog der Weg Richtung Val da Tiarms ab. Ein kurzer Aufstieg brachte mich auf den Passo dell'Uomo (2'218 m), wo ein hässlicher, verlassener Betonstall den höchsten Punkt meiner Wanderung markierte. Von da an war der Wanderweg mit lockerem Geröll bedeckt, was das Gehen mühsam machte, so dass der Abstieg wenig Freude bereitete. Richtig Mitleid hatte ich mit den zahlreichen Mountainbikern, die vom Lukmanier herkommend ihr Velo den Schotter hinaufschoben. 

Einziger Pluspunkt beim Abstieg war die Sicht auf den Lai da Sontga Maria, der immer näher kam. Vor einem Monat hatte ich bereits eine Wanderung zur Capanna Bovarina auf dem Lukmanier begonnen resp. beendet. Im Gegensatz zu damals war der Stausee diesmal gut gefüllt. 

Auf der Passhöhe deckte ich mich noch mit regionalen Spezialitäten ein, bevor es mit dem Postauto bereits wieder ins Unterland ging.


Wanderinfos:

  • Gewandert: Freitag, 6. August 2021
  • Route: Piora, Bergstation - Lago Ritom - Alpe Ritom - Scopello - Alpe Piora - Val Piora - Passo dell'Uomo - Lai da Sontga Maria - Lukmanierpass
  • Meine Wanderzeit: 3 h 30 min
  • Distanz: 14 km
  • Höhenmeter (Aufstieg): 550 m

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Donnerstag, 12. August 2021

Firn, Fels, Grat - Hochtour auf das Vrenelisgärtli

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Die Hochtour auf das Vrenelisgärtli stand schon lange auf meiner Wunschliste. Bereits zweimal hatte ich die Tour auf den bekannten Gipfel im Glärnisch fest gebucht, beide Male kam etwas dazwischen: Beim ersten Mal spielte das Wetter nicht mit, beim zweiten Mal mein Blinddarm. Doch alle guten Dinge sind bekanntlich drei und so machte ich mich an diesem verregneten Sonntag auf den Weg ins Glarnerland. 

Die Wolken hingen tief ins Klöntal hinein, als wir zunächst mit Bus und Alpentaxi bequem bis nach Käsern fuhren. Im Nieselregen begannen wir unseren Aufstieg zur Hütte. Durch den Nebel konnte man den Firnbachfall erkennen, doch bald verschwand auch er unter uns in den Wolken und wir hörten nur noch sein Rauschen. Rund um uns herum war es grau und nass und der Weg hatte sich mehr oder weniger mit den zahlreichen Bächen vereint, die den Hang hinunter strömten. 

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In der Glärnischhütte hatte der Hüttenwart den Holzofen eingefeuert, um all seine durchnässten Gäste wieder trocken zu bekommen. Und uns blieb in der kurzen Nacht nur die Hoffnung, dass die Wetterprognose recht behalten und die versprochene Wetterbesserung tatsächlich eintreffen würde.

Am nächsten Morgen war es noch dunkel, als wir uns gegen halb sechs Uhr in Richtung Vrenelisgärtli auf machten. Die Wassertropfen an den Grashalmen glitzerten im Schein der Stirnlampen, doch von oben blieb es trocken. Nur einzelne Nebelschwaden zogen noch an den senkrechten Felswänden entlang. Beim unteren Firenband gab es die ersten ausgesetzten Stellen zu überwinden, bevor wir schliesslich den Fuss des Glärnischfirns erreichten. Hier montierten wir die Steigeisen und Hans-Peter, unser Bergführer, verband uns zu einer Seilschaft.

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Leicht ansteigend ging es längs über den schneebedeckten Gletscher. Sehr gross ist der Glärnischfirn nicht mehr; ich fand es aber bereits erstaunlich, dass es auf nur rund zweieinhalbtausend Meter überhaupt noch Gletscher gibt. Am anderen Ende des Firns angekommen, deponierten wir unsere Steigeisen. Vor uns lag die Schlüsselstelle der Tour, der Abstieg über eine senkrechte Steilstufe zum Schwander Grat. 

Fix montierte Ketten und einige Stahlstifte helfen beim Abstieg. Ganz wohl war es mir bei der Sache aber trotzdem nicht - das Kletter-Gen fehlt mir immer noch. Viel passieren hätte aber wohl nicht können, da wir immer von unserem Bergführer gesichert wurden; trotzdem war ich froh, als ich unten ankam.

Über den schmalen Schwander Grat - objektiv gesehen wohl gefährlicher als die Kletterpassage, aber für mich eindeutig einfacher zu meistern - ging es weiter. Senkrechte zweitausend Meter unter uns lag der Klöntalersee. Das letzte Stück kraxelten wir über lockeres Geröll hoch und dann standen wir auf dem Vrenelisgärtli (2'905 m). Was für eine Aussicht! Wir nahmen uns viel Zeit, das Gipfelerlebnis in vollen Zügen zu geniessen. 

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Auf dem Gipfelkreuz des Vrenelisgärtlis hängt ein Kessel. Wohl eine Anspielung auf die namensgebende Sage, wonach es sich das junge Mädchen Vreneli in den Kopf gesetzt hatte, auf dem Glärnisch einen Blumengarten anzulegen. Mit einem grossen Kessel auf dem Kopf wollte sie sich gegen den Schneefall schützen, wurde aber zusammen mit Kessel und Blumen vollständig eingeschneit. Ich habe die Moral der Geschichte nie verstanden und fand das Ansinnen, auf fast dreitausend Metern einen Garten anlegen zu wollen, ziemlich unsinnig. Doch zugegebenermassen entdeckten wir inmitten der Steinwüste bunte Blümchen, die dem harschen Klima trotzten - vielleicht doch die Reste von Vrenelis Blumengärtchen.

@wandernohneende
Wir mussten uns schliesslich wieder auf den Rückweg machen. Nachdem wir den Schwander Grat wieder überquert hatten, kam erneut die Kletterstelle (Auf- und Abstieg sind übrigens  richtungsgetrennt und fein säuberlich markiert). Hinaufklettern finde ich generell einfacher als hinunter, und mit etwas weniger Mühe brachte ich die Schlüsselstelle erneut hinter mich.

Danach stiegen wir wieder in unsere Steigeisen und hinab ging es über den Glärnischfirn. Unten angekommen, zogen allmählich immer dichtere Wolken vom Klöntal her hinauf. Uns war es egal, das Wetter hatte an diesem Tag perfekt gepasst. Vor uns stand aber noch ein sehr langer Abstieg, gut achtzehnhundert negative Höhenmeter gilt es zwischen dem Vrenelisgärtli und Käsern zu vernichten. 

@wandernohneende
Bei der Glärnischhütte gab es einen kurzen Zwischenstopp für Kaffee und Kuchen. Im Gegensatz zum Vortag sah man dann Weiterwandern etwas von der Umgebung: Unzählige Bäche fielen über die senkrechten, grün bewachsenen Felswände und fast wähnte man sich in irgendwo in einem asiatischen Dschungel. 

Die lange Tour machte sich langsam aber sicher in meinen Beinen bemerkbar und ich war froh, dass in Käsern das Alpentaxi auf uns wartete. Doch auch wenn ich wusste, dass der Muskelkater in den nächsten Tagen garantiert war - für dieses tolle Erlebnis hatte er sich allemal gelohnt!





Wanderinfos:
  • Gewandert: Sonntag/Montag, 8./9. August 2021
  • Route: Käsern - Glärnischhütte (Sonntag); Glärnischhütte - Glärnischfirn - Schwander Grat- Vrenelisgärtli - Schwander Grat - Glärnischfirn - Glärnischhütte - Käsern (Montag)
  • Unsere Wanderzeit: 1 h 45 min (Sonntag); 8 h (Montag)
  • Distanz: 3,8 km (Sonntag); 13 km (Montag)
  • Höhenmeter (Aufstieg): 720 m (Sonntag); 1'100 m (Montag)
  • Übernachten: Glärnischhütte SAC



Donnerstag, 29. Juli 2021

Gipfel-Hexalogie mit Fürstein

Glaubenberg, Fürstein, Langis
Wieder einmal eine Montagstour mit Karin; diesmal zwar ohne Schneeschuhe, dafür nach einer Routenbeschreibung, die eigentlich als Schneeschuhtour gedacht war. Wir hielten es für eine gute Idee, uns die Sache vorerst ohne Schnee anzusehen.

Für das kurze Stück von Langis zur Glaubenberg Passhöhe nahmen wir das Postauto, das wir fast verpasst hätten, obwohl wir zwanzig Minuten zu früh an der Haltestelle standen - einfach an der falschen. Vom Glaubenberg aus stiegen wir durch einen wunderschönen, lichten Wald, dessen Boden und Lichtungen mit einem Meer aus Alpenrosen und anderen bunt blühenden Blumen bedeckt war. Das Einzige, was das Erlebnis etwas trübte, war - neben dem wolkenverhangenen Himmel - der pflotschige Untergrund. Innert kürzester Zeit klebte an meinen Schuhen eine dicke Schicht aus nasser Erde.

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Kurz nachdem wir die Waldgrenze hinter uns gelassen hatten, erreichten wir mit dem Rickhubel (1'943 m) den ersten Gipfel des Tages. Hier hatten wir auch erstmals die Übersicht, um uns zu orientieren und einen ersten Blick auf den Hauptgipfel des Tages, den Fürstein zu werfen. 

Vom Rickhubel zum Fürstein mussten wir zunächst eine sumpfige Hochebene überqueren und die karge Vegetation mit den baumlosen Gipfeln erinnerte mich an Lappland. Ein kurzer, steiler Anstieg brachte uns schliesslich auf den Fürstein (2'040 m). Der Wind bliess uns hier kalt um die Ohren und ich war mir sicher, im Winter könnte es nicht ungemütlicher sein. Unsere Pause auf der zugigen, aber unbestrittenermassen sehr aussichtsreichen Gipfelbank war daher nur kurz.

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Die Mittagspause holten wir nach dem Abstieg beim Sewenseeli nach, an dessen Ufer eine kleine, einsame Kapelle steht. Ein idyllischer Ort! Danach folgten wir kurz einem breiten Feldweg, bis es via Trogenegg wieder hoch ging bis zum Miesenstock (1'891 m). Schliesslich folgte das schönste und abwechslungsreichste Stück der ohnehin schon sehr schönen und abwechslungsreichen Wanderung: Über einen schmalen, dicht überwucherten Grat und ein paar kraxlige Felsen führte der schmale Pfad via Nollen (1'891 m, unmarkiert) zum Riedmattstock (1'786 m, temporär ohne Gipfelkreuz). 

Nachdem wir schon fünf Gipfel hinter uns hatten, fanden wir, dass wir den sechsten auch noch mitnehmen könnten, so dass wir einen kurzen Abstecher zum Aussichtspunkt des Selispitz (1'736 m) machten, um auch noch den Blick auf den Sarnersee zu werfen.

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Danach ging es sehr steil ein paar sehr nasse Weiden hinunter. Der Weg war zwar gut mit Pfosten markiert, die Schwierigkeit war aber, von einem Pfosten zum nächsten zu gelangen, ohne im Matsch stecken zu bleiben (Pfosten zu folgen ist ein bekanntes Problem von Karin und mir). Ab der Ochsenalp begann der Gegenanstieg zurück nach Langis hinauf. Mittlerweile hatte sich die Sonne entschieden, hinter den Wolken hervorzukommen, so dass es mir beim Aufstieg plötzlich mehr als warm wurde und ich schon fast den kühlen Wind vom Gipfel zurücksehnte.

Es war eine schöne, aber lange Wanderung gewesen und Karin und ich waren uns einig: Mit den Schneeschuhen machen wir auf keinen Fall die ganze Runde - viel zu anstrengend.



Wanderinfos:

  • Gewandert: Montag, 5. Juli 2021
  • Route: Glaubenberg, Passhöhe - Rickhubel - Fürstein - Sewenseeli - Trogenegg - Miesenstock - Nollen - Riedmattstock - Selispitz - Mettlenbüel - Münchenboden - Ochsenalp - Langis
  • Unsere Wanderzeit: 5 h 15 min
  • Distanz: 15 km
  • Höhenmeter (Aufstieg): 1'130 m

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Donnerstag, 22. Juli 2021

Aperol Spritz auf der Leutschachhütte

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Diese Saison will der Schnee einfach nicht verschwinden! Es war bereits Mitte Juni und wieder hatte ich meine Spikes griffbereit oben in den Rucksack gepackt. 

Zunächst begann das Wochenende aber bunt blühen und schwül warm: Wir trafen uns beim Arnisee und nach einem kurzen Startkaffee ging es ohne grosse Steigung durch Wald und Alpwiesen in Richtung Intschitalp. Erst als wir den Intschialpbach überquert hatten und der Weg im Zickzack das Tal hinauf führte, wurde die Sache schweisstreibend. 

Wir hatten schliesslich noch nicht einmal die Hälfte der geplanten Höhenmeter hinter uns, als wir den Schnee erreichten und ich tatsächlich meine Spikes hervorholen musste. In der Schindlachhütte wäre eigentlich eine Pause geplant gewesen. Dafür hätten wir aber den unter dem Schnee verstecken Bach überqueren müssen, was Michel, unser verantwortungsvoller Wanderleiter, als zu gefährlich einstufte, weil wir die Tragfestigkeit der Schneedecke nicht kannten - womit er natürlich recht hatte.

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Damit mussten wir ohne Stärkung das steilste Stück des Tages - den Einstieg ins Schindlachtal -  in Angriff nehmen. Da der Weg unter dem Schnee ebenfalls nicht sichtbar war, stiegen wir mehr oder weniger in direkter Linie den abschüssigen Hang hoch - steiler geht fast nicht mehr.

Nachdem wir das Gröbste hinter uns hatten, gab es doch noch eine Pause mit Blick zurück zur Intischialp. Danach kamen wir um eine Bachüberquerung nicht mehr herum: Praktischerweise hatte aber das Schneefeld, welches den Wildbach bedeckte, ein strategisch platziertes Loch genau über dem schmalen Steg, der über das rauschende Wasser führte. Etwas Überwindung brauchte der Schritt vom Schnee auf das Brett, Ausrutschen wäre keine gute Idee gewesen. 

Hinter einer Felsengruppe weitete sich das Tal und es wurde etwas flacher. Wir passierten kleine Seen, deren Ausmasse unter der dicken Schneedecke nur zu erahnen waren und ein letzter Aufstieg brachte uns schliesslich auf den Wichelpass (2'558 m). Von diesem Übergang sah man das erste Mal die Leutschachhütte, die auf einem Felsen in der Talflanke thront. 

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Für den Abstieg über die Felswand vom Wichelpass ins Leutschachtal soll es eine Leiter geben. Diese war aber unter all dem Schnee nicht auffindbar. Wir fanden dann doch noch einen Abstieg über ein abschüssiges Schneefeld und konnten so die Felsen umgehen. Über den Schnee ging es auch weiter nach unten und einige von uns rutschten auf dem Hintern den Abhang hinunter und entwickelten dabei ein ziemliches Tempo.

Danach war es nicht mehr weit bis zur Hütte. Auf der sonnigen Terrasse mit Blick auf den türkisfarbenen Nidersee - ebenfalls noch teilweise mit Schnee bedeckt - gönnte ich mir einen Aperol Spritz und fand, das Leben könnte schlechter sein.

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Am nächsten Tag war der Himmel bedeckt und die Wetterapp warnte vor Gewittern. Deshalb verzichteten wir auf den geplanten Abstecher zum Sunniggrat - mein Bedürfnis an Höhenmeter war vom Vortag ohnehin mehr als gestillt - und stiegen über den direkten Hüttenweg ab. Doch auch dieser lohnte sich: Nach dem Abstieg zum Nidersee folgten wir dem Leutschachbach, der über die Felsen und unter dem Schnee das Tal hinabrauschte. Kaum hatten wir den Schnee hinter uns gelassen, tauchten die ersten blühenden Alpenrosen auf.

Es dauerte schliesslich keine zwei Stunden, bis wir zurück beim Restaurant am Arnisee waren. So früh, dass der Kuchen, auf den Michel gehofft hatte, noch gar nicht im Ofen war. War trotzdem ein sehr schönes Wochenende gewesen!


Wanderinfos:

  • Gewandert: Samstag/Sonntag, 19./20. Juni 2021
  • Route: Arnisee - Heissigegg - Rostwald - Seewlisegg - Schindlachtal - Wichelpass - Leutschachhütte (Samstag); Leutschachhütte - Bödemli - Heitersbüel - Torli - Arnisee (Sonntag)
  • Unsere Wanderzeit: 4 h 45 min (Samstag); 1 h 45 min (Sonntag)
  • Distanz: 10 km (Samstag); 5,7 km (Sonntag)
  • Höhenmeter (Aufstieg): 1'300 m (Samstag); 30 m (Sonntag)
  • Übernachten: Leutschachhütte SAC

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Sonntag, 4. Juli 2021

Lukmanier-Rundtour: Vier Pässe und viel Tessiner Gastfreundschaft

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Auch dieses Jahr gibt es wieder ein Wanderprojekt, diesmal unter dem sehr breit auslegbaren Motto "Special Effect". Nicoles Beitrag dazu führte uns auf den Lukmanierpass an der Grenze zwischen Graubünden und Tessin. 

Der Pass selber war zwar bereits schneefrei, doch weil wir uns unsicher waren in Bezug auf die Begehbarkeit des Passo di Gana Negro, beschlossen wir, am ersten Tag auf Nummer sicher zu gehen und die tiefer gelegene, aber weitere Route zur Capanna Bovarina zu nehmen.

Wir wanderten also zunächst eine Weile abwärts in Richtung Tessin. Wir waren noch keine Viertelstunde unterwegs, als sich die Sohle von Retos Wanderschuh löste. Während dieser umkehrte, um Ersatzschuhe aus dem Auto zu holen, folgten wir weiter dem Wanderweg, der zwischen Passstrasse und jungem Brenno eingeklemmt ist. Ein ständiges Rauschen, sowohl von der Strasse wie auch vom Wildbach, war damit unser Begleiter. 

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Bei Acquacalda liessen wir die Strasse hinter uns, dafür begann die Steigung durch den Hang. Der Wald spendete angenehmen Schatten, denn die Sonne sorgte für sommerliche Temperaturen und unsere Organisatorin legte ein flottes Tempo vor. 

Über eine letzte Felsstufe erreichten wir schliesslich den Croce Portera (1'917 m) und plötzlich öffnete sich die Landschaft: Eine weite Hochebene lag vor uns und dahinter erhoben sich die weissen Berge. Wir waren begeistert von der heideartigen Landschaft und Vegetation. Unter einem schattigen Baum gönnten wir uns eine ausgedehnte Pause.

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Auf einem breiten Weg ging es bis zum malerischen Dörfchen Dötra, das mit zahlreichen pitoresken, sichtlich mit viel Liebe restaurierten Häuschen aufwarten konnte. Ein flaches, leider asphaltiertes Strassenstück brachte uns nach Anvéuda, ebenfalls ein schönes, von Blumenwiesen umgebenes Örtchen. 

Kurz vor dem Aufstieg zum dritten Pass des Tages gab auch Daniels Sohle ihre Bereitschaft auf, am Wanderschuh kleben zu bleiben. Diese wurde mit Kabelbinder schon fast fachmännisch geflickt, so dass alle den Aufstieg zum Passo Cantonill unter die (mehr oder weniger stabil besohlten) Füsse nehmen konnten.

Insgesamt waren an diesem Tag nur um die achthundert Höhenmeter zu absolvieren, dies auch noch verteilt auf sechzehn Kilometer. Nur fühlte es sich für mich nach viel mehr Aufstieg an; die Verschnaufpause auf dem Passo Cantonill (1'936 m) brauchte ich dringend und keiner von uns liess sich zu einem Abstecher auf den Pizzo Rossetto motivieren.

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Durch einen leuchtend grünen Wald ging es wieder abwärts. In der Ferne entdeckten wir eine Staumauer, die wir als diejenige des Lago di Luzzone identifizierten. Irgendwo hinter den Bergen musste die Greina liegen. Ein letzter Anstieg brachte uns schliesslich zu Capanna Bovarina, wo Reto, der die Abkürzung über den Passo di Gana Negra genommen hatte, in neuen Schuhen schon auf uns wartete.

Die Capanna Bovarina ist von Aussen nicht gerade eine Augenweide. Die äusserlichen ästhetischen Defizite wurden aber von den inneren Werten, nämlich einem grosszügiges Massenlager mit Bergsicht und der charmanten Tessiner Gastfreundschaft des Hüttenwartes, mehr als aufgewogen.

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Am nächsten Morgen wurden wir von der Sonne geweckt, die direkt in unsere Betten schien. Nach einem leckeren Frühstück machten wir uns wieder auf zum Lukmanierpass, diesmal aber auf dem direkten Weg über den Passo di Gana Negro. Dank Retos Sohlenunglück wussten wir, dass die Strecke trotz Schnee begehbar war. 

Wir folgten einem Wildbach durch die weitläufige Alpe Bovarina. In einem kleinen, namenlosen See spiegelten sich die Berge und der blaue Himmel. Bald erreichten wir die ersten Schneefelder, zwischen denen sich Krokusse und andere unerschrockene Frühlingsblumen hervorkämpften. Aus den Schneefeldern wurde schliesslich eine geschlossene Schneedecke, aus der nur die riesigen, schwarzen Felsbrocken herausragten, welchen der Pass seinen Namen verdankt. Ein Murmeltier brachte sich über den Schnee vor uns in Sicherheit. 

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Wir genossen die Wanderung durch diese eindrucksvolle Landschaft in vollen Zügen. Kurz vor der Passhöhe passierten wir ein weiteres, ebenfalls namenloses Seelein, das man unter dem Schnee noch kaum erkennen konnte. Der Wind verhindert ein lange Pause auf dem Passo di Gana Negra (2'433 m) und kurz danach forderten einige abschüssige Schneefelder unsere Aufmerksamkeit.

Unter uns war der Lukmanierpass mit dem Stausee Lai da Sontga Maria bereits erkennbar. Kurz vor dem Mittag waren wir schliesslich zurück am Ausgangsort und damit sogar rechtzeitig, um einen Blick auf die Tour de Suisse zu erhaschen, die an diesem Tag über den Lukmanier fuhr. Wahrlich, an "Special Effects" hatte es dieser Wanderung nicht gefehlt!



Wanderinfos

  • Gewandert: Samstag/Sonntag, 12./13. Juni 2021
  • Route: Lukmanierpass - Acquacalda - Croce Portera - Fopp da Pönt - Dötra - Anvéuda - Passo Cantonill - Predasca - Capanna Bovarina (Samstag); Capanna Bovarina - Alpe di Bovarina - Passo di Gana Negra - Lukmanierpass (Sonntag)
  • Unsere Wanderzeit: 4 h 30 min (Samstag); 3 h (Sonntag)
  • Distanz: 16 km (Samstag); 8 km (Sonntag)
  • Höhenmeter (Aufstieg): 780 m (Samstag); 610 m (Sonntag)
  • Übernachten: Capanna Bovarina UTOE 
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